Während Sie diesen Artikel lesen, sind Steinmeiers im Krankenhaus. Womöglich haben die Ärzte schon begonnen, Frank-Walter Steinmeier einen 20 Zentimeter langen Schnitt unter dem Rippenbogen zum Rücken hin zu legen. Dann werden sie ihm eine Niere entnehmen, um sie seiner seit mehr als einem Dutzend Jahren an einer Nierenunterfunktion leidenden Gattin Elke Büdenbender zu implantieren. Man mag es sich so genau nicht vorstellen. Aber man sollte es tun. Schon um sich klarzumachen, dass der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, dass der ehemalige Außenminister der Bundesrepublik nicht nur die Partei, die öffentliche Verantwortung, das Land und die Politik hat, sondern auch jemanden, für den er bereit ist, sich auf den Operationstisch zu legen.
Wir kennen die Politiker nur aus dem Fernsehen. Wir nehmen sie also meist nur in ihren öffentlichen Funktionen wahr. Wir betrachten sie, wir reden über sie, als wären sie nichts als das. Das ist vernünftig. Denn es sollte nur darum gehen, ob das, was sie tun, richtig ist für das Land und für die Leute. Ob sie ihre Kinder und ihre Ehefrauen lieben, wie sie es tun, das hat uns nicht zu interessieren. Ob sie charmant sind, ob sie es verstehen, in die Kameras zu lächeln, ob sie die richtigen Worte finden, wenn sie gefragt werden, das alles dürfte keine Rolle spielen. Jedenfalls dürfte es nicht wahlentscheidend sein. Uns sollte nur interessieren, ob sie helfen, die Zustände zu verbessern, oder ob sie dazu beitragen, den Egoismen dieser oder jener Interessenvertreter zum Sieg zu verhelfen.
Wenn wir aber gar so „objektiv“ sind, dann vergessen wir, dass wir um 20 Uhr nicht der Muppet Show beiwohnen, sondern es mit richtigen Menschen zu tun haben. Mit also immer auch überforderten, jedenfalls bis an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gehenden Menschen. Man kann nicht in der Woche hundert Stunden lang Politiker sein, ohne Schaden zu nehmen an seiner Seele. Man kann das nicht, wenn nicht jemand da ist, der einem wenigstens für ein paar Stunden heraushilft aus seinen Rollen, aus dem Funktionsspiel, zu dem ja auch das Privatleben wird in einer Politikerexistenz.
Verwandlung vom Bild zum Menschen
Als gestern bekannt wurde, dass Frank-Walter Steinmeier seiner Frau eine Niere spenden und darum „einige Wochen“ sich aus der Politik zurückziehen werde, da war in einem Augenblick der Mensch Frank-Walter Steinmeier sichtbar geworden. Da war deutlich, es gibt auch für ihn Dinge, die sind wichtiger als der Streit um die Rente mit 67, als die Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken, als die Zukunft der Bundeswehr, als die Änderung der Hartz-IV-Regelsätze. Natürlich ist all das viel, viel wichtiger als die neue Niere von Frau Elke Büdenbender. Das wissen wir. Dennoch sind wir froh, dass es in diesem Augenblick für Frank-Walter Steinmeier wichtiger ist, dass er seiner Frau, seiner geliebten Frau, möglicherweise die Dialyse ersparen kann. Mit dieser Entscheidung verwandelt er sich aus einem Bild, einer Filmfigur in einen Menschen. Wir spüren seine Angst, seine Sorge, weil er die seiner Frau spürt.
Der Zyniker mag denken: Ihr entkommt dem Medienspiel nicht. Ihr spielt jetzt nur in einer anderen Soap. Vielleicht wird es dazu kommen. Die einschlägigen Medien werden ihren Teil tun, um genau das zu erreichen. Aber im Augenblick ist die Lage ganz anders. Im Augenblick erfahren wir die Grenzen der Wirksamkeit des Politischen. So sehr es stimmt, dass auch das Privateste politisch ist, so wenig ist daraus zu schlussfolgern, dass auch das Privateste sich der Politik und ihren Gesetzen zu unterwerfen hat. Die Politik neigt dazu, sich den Rest der Welt untertan zu machen. Politiker sind meist Agenten und Opfer dieses Imperialismus. Wir, das Medien-Publikum, das Wahlvolk, wissen aus eigener Erfahrung sehr wohl, dass es Dimensionen gibt, von denen das Politische sich nicht abschneiden darf, wenn es nicht riskieren will, unmenschlich zu werden.
Frank-Walter Steinmeiers Entscheidung ergreift uns, weil sie zeigt, dass er – so sehr er aus dem politischen Apparat kommt – kein Apparatschik ist, sondern einer, der fähig ist, das alles hinzuwerfen, einfach nur, um das in diesem Augenblick Richtige, das Selbstverständlich-Richtige zu tun. Wir erkennen für einen Augenblick in ihm nicht uns, sondern unser besseres Ich. Wir freuen uns. Denn wenn Frank-Walter Steinmeier das kann, dann – so hoffen wir – können wir es vielleicht auch einmal, wenn es darauf ankommt: das Richtige tun.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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