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Stephan Hebel bloggt: Linke, zeigt es dem Gauck!

Sehr schnell kam die Reaktion der Linkspartei zum Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck: "unwählbar". So einfach sollte es sich eine Linke, die sich für souverän hält, nicht machen.

Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Keine Frage: Joachim Gauck ist für viele Linke ein harter Brocken. Seine Lebensgeschichte ist von der Diktatur-Erfahrung in der DDR geprägt, die Stasi-Aufarbeitung war nach der Wende seine Lebensaufgabe. Das führt auch nach meinem Eindruck dazu, dass er im Umgang mit der Linkspartei die Wirkung der SED-Wurzeln über- und die Lernprozesse der letzten 20 Jahre unterschätzt.

Aber, und das ist ein sehr großes Aber: Ich kenne Gauck ein bisschen, und ich sage allen Linken: Dieser Mann steht für nichts so sehr wie für die Freiheit der Benachteiligten. Seine "rote" Diktatur-Erfahrung hat ihn zwar, das sagt er selbst, zum "Antikommunisten" gemacht, aber sie hat ihn nie verleitet daran zu zweifeln, aus welchem unvergleichlichen Menschheitsverbrechen die DDR hervorging.

Hebel macht Mittag

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Er verteidigt die DDR nicht - das, höre ich immer wieder, tut die Linkspartei auch nicht! -, er greift sie härtestmöglich an. Aber anders als manch westdeutscher Rechtsausleger hat er sich nie und nimmer zum Geschichts-Relativismus verleiten lassen. Er weiß, trotz persönlichen Leidens unter dem Stalinismus, um die Relationen. Da kann manch einer etwas lernen, und die Linke ist ja nicht zu Unrecht stolz auf jene, die in ihren Reihen bereits die Erfahrung haben, ihre Vor- und Feindbilder vergangener Tage infrage zu stellen.

Zweitens: Auch dies, das Infragestellen, kann Gauck. Ich habe selbst erlebt, wie er sich geradezu gequält hat, um die Perspektive von Menschen zu verstehen, die im Kalten Krieg ihre Aufgabe eher im Kampf gegen den Vietnamkrieg, die von der "freien Welt" geduldete und geförderte Ausbeutung der "Dritten Welt" und die Nato-Hochrüstung sahen.

Er hat gelernt zu verstehen, dass dies nicht - jedenfalls nicht immer - mit einer Verharmlosung der diktatorischen Verhältnisse im "sozialistischen Lager" verbunden sein musste. Er hat, so glaube ich, auch verstanden, dass manch einer, der diesem Lager einst mit Überzeugung selbst angehörte, diese Verhältnisse im Nachhinein zu verurteilen gelernt hat, ohne dabei jede Kritik am Kapitalismus gleich aufzugeben. Er hat, denke ich, seinen vielleicht etwas "bürgerlichen" Freiheitsbegriff, also die unterentwickelte Aufmerksamkeit für die soziale Frage, zu korrigieren gelernt.

Spannende Alternative

Was für eine Vorstellung - die Linkspartei erklärte sich mit diesen und anderen Argumenten bereit, die für sie sperrige, komplizierte, aber spannende Alternative zu einem aalglatten CDU-Karrieristen zu wählen, trotz Unterschieden in vielen Politikfeldern! Was für ein Coup gegen jene, die diese Partei noch immer für unbelehrbar halten! Was für eine starke Anregung für Gauck, seine Position zur Linkspartei zu überdenken und dabei vielleicht andere mitzunehmen.

Und (nicht) zuletzt: Was für ein starkes Signal an alle, die sich eine linke Regierungs-Perspektive wünschen für dieses Land! Ein starker, politisch unabhängiger Kopf, unterstützt von "Rot-Rot-Grün"! Wenn beispielsweise Gregor Gysi auch nur halbwegs der Stratege ist, als den viele ihn schätzen - es müsste ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Autor:  Stephan Hebel
Datum:  4 | 6 | 2010
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