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08. Oktober 2012

Straßburger Appell: Die Werte des Friedens stärken

 Von David Grossman und Boualem Sansal
Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal (l.) wurde 2011 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Sein israelischer Kollege David Grossman bekam den Preis im Jahr zuvor.  Foto: afp/ddp

Der israelische Schriftsteller David Grossman und der algerische Autor Boualem Sansal haben beim Weltforum für Demokratie in Straßburg gemeinsam zu Frieden und mehr Toleranz aufgerufen. Die beiden Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels rufen vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts und eines drohenden Scheiterns des Arabischen Frühlings dazu auf, sich ihrem Appell anzuschließen.

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Das 20. Jahrhundert hat die Mächte des Alten Kontinents erlebt, die, entflammt von Nationalismen und kolonialer Gier, die Welt zweimal in die ungeheuerlichsten Kriege geführt haben. Mit der Shoah, die für immer schmerzhaft und unauslöschlich in unseren Erinnerungen bleiben wird, hat die Menschheit dabei die äußerste Grenze der Barbarei kennengelernt.

Beginnend mit Jalta im Februar 1945 bis zum Fall der Berliner Mauer im November 1989 war die Welt im Kalten Krieg zwischen Ost und West gefangen, der das menschenwürdige Leben unter die ständige Bedrohung einer nuklearen Katastrophe gestellt hat. Im Oktober 1962, genau vor 50 Jahren, sind die Raketen in Kuba tatsächlich mit Sprengköpfen bestückt gewesen und der Countdown war bereits gestartet.

Dieses Jahrhundert, das alle Übel und die schlimmsten Bedrohungen erlebt hat, hat letztlich doch Licht gesehen und es geschafft, eine lange Reise in Richtung Frieden anzutreten. Die deutsch-französische Aussöhnung ist dafür ein wesentlicher Schritt gewesen, sie hat den Weg für den Aufbau Europas ermöglicht und damit den Friedensprozess in der Welt gestärkt. Bei diesem Schritt gehörten Schriftsteller zu den ersten und den engagiertesten. Einige von ihnen haben den Appell unterschrieben, sie haben sich an diesen historischen Ereignissen beteiligt, die die Hoffnung wieder aufleben ließen. Wir möchten sie ausdrücklich grüßen.

Der Rest der Welt wurde vergessen

An diesem Friedensprojekt ist letztlich jedoch nur der Westen beteiligt gewesen. Der Rest der Welt wurde vergessen, die Dutzenden von Ländern an der Peripherie mit mehr als vier Fünfteln der Weltbevölkerung wurden der Unterentwicklung und den Diktaturen überlassen. Da der Frieden nicht für alle galt, konnte er nicht nachhaltig sein. Und an diesem Punkt werden wir wieder mit immensen Gefahren konfrontiert. Umweltverschmutzung und Erderwärmung könnten möglicherweise bald so schnell zerstörerisch sein, wie es nach den alten Vorstellungen über Terror der nukleare Sturm gewesen wäre. Armut, Krankheit, endemische Kriminalität besorgen das Übrige. Der Terrorismus, jene schockierende Novität in diesem heutigen Bedrohungsszenario, schreitet mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit voran; und die Ideologien, die ihn unterfüttern, erreichen neue Wege, im Besonderen durch die Instrumentalisierung von Religion aus politischen Motiven.

Die Entwicklungen in einigen Ländern lassen uns das Schlimmste befürchten. Der barbarische Fundamentalismus, der im Afghanistan der Taliban begründet ist, hat sich weiterentwickelt und Gegenreaktionen in Form von Quasi-Kriegen im Rest der Welt hervorgerufen. Die Schauplätze ausgeprägter Spannungen mehren sich, insbesondere in Afrika, und die Nester des radikalen Islamismus, der sich in vielen arabischen und muslimischen Ländern aber auch in demokratischen Ländern fern vom Epizentrum entwickelt hat, drohen, sich in der ganzen Welt auszubreiten.  Schon jetzt sind die grundlegenden Werte von religiöser Freiheit und Gewissen in Gefahr.

Die Internationale Gemeinschaft bleibt ineffizient


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Angesichts dieser Bedrohungen bleibt die internationale Gemeinschaft unglaublich ineffizient. Amerika und Europa suchen Ausflüchte, Russland und China praktizieren Blockade und verhindern somit mögliche Aktionen seitens der Vereinten Nationen.

Der „Arabische Frühling“ hat Hoffnungen genährt und Möglichkeiten geschaffen, besonders im Hinblick auf die Demokratisierung, er hat aber auch enorme innere Spannungen in den arabischen und muslimischen Ländern erzeugt, die Verschlechterungen mit sich bringen und zum Extremismus führen. Die Etablierung von gut organisierten islamistischen Parteien mit schwer bewaffneten Milizen und ihre Machtübernahme in diesen Ländern sind ein Zeichen für eine Bewegung in Richtung Fundamentalismus . In dem sich abzeichnenden Chaos beschleunigt Iran sein Atomprogramm, um seine hegemonialen Ansprüche auf politischer, militärischer und religiöser Ebene durchzusetzen., und andere arabische Länder in dieser Region könnten dazu gebracht werden, einen ähnlichen Weg einzuschlagen.

In diesem Zusammenhang wird Israel mehr denn je auf direkte Weise bedroht. Konfrontiert mit einer solch komplexen und gefährlichen Situation, könnte es versucht sein, allein zu handeln. Die Entscheidung, den Iran anzugreifen, ist auf dem Tisch, auch wenn sich dadurch Israel am Rande der Existenzgefahr wiederfinden könnte. Die bereits sehr brüchige Situation im Nahen und Mittleren Osten würde sich verschlechtern. Wieder einmal würden die friedliebenden Palästinenser und Israelis für die Verfolgung von Interessen, die nicht die ihren sind, bezahlen müssen.

Israel und Palästina stellen unrealistische Bedingungen

Seit mehr als 45 Jahren hat Israel die Palästinenser unter seiner Kontrolle. Diese unmenschliche und unmoralische Situation muss beendet werden. Beide Seiten bringen unrealistische Bedingungen in die Verhandlungen ein, während die Regierung Israels weiterhin den Bau von immer mehr Siedlungen vorantreibt, was das Erreichen eines tragfähigen Friedens verhindert. Wir fordern beide Parteien auf, sofort zu aufrichtigen und ernsthaften Verhandlungen zurückzukehren. Die gegenwärtige Blockierung gefährdet den Frieden in dieser Region und der ganzen Welt.

Es ist dringend notwendig, dass die internationale Gemeinschaft entschieden eingreift, um das iranische Atomprogramm unter Kontrolle zu bringen und für eine Lösung des Israel-Palästina-Konflikts einzustehen. Die Parteien müssen sofort zu einem wahren und direkten Dialog gedrängt werden, um so schnell wie möglich die Schaffung eines palästinensischen Staats neben dem Staat Israel zu realisieren; beide mit sicheren Grenzen, die für beide Seiten auf schmerzhaften Kompromissen beruhen, die jedoch notwendig für den Frieden sind – so die Aufgabe von Siedlungen oder deren Austausch gegen Land, der Verzicht auf das Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge von 1948 und die Teilung Jerusalems. Dies ist noch immer – aber vielleicht nicht mehr lange – eine mögliche Lösung, und es gibt Männer und Frauen auf beiden Seiten, die in der Lage sind, dies zu erreichen. Lassen Sie uns ihnen dabei helfen.

Das Assad-Regime betreibt methodische Tötung

In Syrien hat der Arabische Frühling zu einer Krise von außerordentlichem Ausmaß geführt, die das Land und die dort lebenden Menschen in ihrer Existenz bedroht. Das Regime von Al Assad betreibt die methodische Tötung der Bevölkerung. Sechzehn Monate – und nahezu 30.000 Tote - nach dem Beginn der Revolution in Syrien führt er seine Verbrechen gänzlich ungestört durch, gestärkt vorrangig durch Iran, Russland und China, aber auch durch die Verzögerungen und das Zaudern der internationalen Gemeinschaft. Das menschliche Gewissen wird sich noch lange an die Folgen dieser Tragödie erinnern.

Mit diesem Hintergrund haben wir Autoren unser Engagement für Frieden unterschrieben und möchten folgende Erklärungen abgeben:

Wir fordern alle Schriftsteller auf, sich uns anzuschließen

Schriftsteller haben ihre Aufgabe in diesem Kampf, und wir erklären hiermit unsere Entschlossenheit, diese entschieden und objektiv zu übernehmen. Wir fordern alle Schriftsteller in der Welt auf, sich uns anzuschließen. Gemeinsam können wir Einfluss auf die Entscheidungsträger und die öffentliche Meinung nehmen und damit auch auf den Verlauf der Ereignisse, um sicherzustellen, dass die Werte des Friedens in der ganzen Welt gestärkt werden. Unsere Methoden in diesem Kampf sind die Literatur, die Diskussion und unsere Wachsamkeit. Vielleicht ist es nicht viel, aber es ist unser Weg, um unsere Würde in einer Welt von Gewalt und Zynismus zu erhalten.

Die weltweite Vereinigung von Schriftstellern für den Frieden ist keine politische Partei und beabsichtigt nicht, sich in die inneren politischen Angelegenheiten eines Landes einzumischen. Dies ist die Angelegenheit eines jedes einzelnen entsprechend der eigenen persönlichen Überzeugungen und Verpflichtungen. Der Frieden und die Werte, die ihn untermauern -Menschenrechte, Demokratie und Kultur – sind keine internen Angelegenheiten, sie sind universell gültig. Deshalb definiert die Vereinigung sich über diese Werte ohne weitere Zugeständnisse. Das ist der Spielraum und zugleich seine Grenze.

Die Vereinigung versteht sich als ein Netzwerk, das so breit wie möglich angelegt sein wird. Sie wird selbst für ein Sekretariat sorgen, um den Fluss von Informationen zwischen den Mitgliedern und der Organisation ihrer Aktionen zu optimieren. Alle zwei Jahre wird ein „primus inter pares“ benannt, um die Vereinigung zu vertreten und ihre Aktivitäten zu verwalten.

Die Vereinigung wird so bald wie möglich Arbeitsgruppen einsetzen, um für die Lösung der dringendsten Probleme  Vorschläge zu formulieren und Maßnahmen zu entwickeln.

Die Vereinigung wird alle möglichen Synergien mit nationalen und internationalen Organisationen suchen, bei denen Frieden und Kultur im Mittelpunkt stehen.

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