Jetzt hat auch der Fußball eine "Gefährdungslage mit schwer abzuschätzenden Folgen". So lautete im Herbst 2006 die Formulierung des Berliner Landeskriminalamtes, als eine Aufführung von Mozarts "Idomeneo" an der Deutschen Oper den Protest eines muslimischen Zuschauers hervorgerufen hatte. Der Regisseur Hans Neuenfels hatte am Ende seiner Oper einigen Religionsstiftern, darunter Mohammed, mit stark symbolischen Gestus den Kopf abschlagen lassen. Neuenfels´ Inszenierung wurde vorsorglich abgesetzt, und es schloss sich ein monatelanger Streit über religiöse Toleranz und kulturelle Selbstzensur an.
So blutig wie in der Oper geht es auf Schalke nicht zu. Die dritte Strophe der so genannten Schalke-Hymne verstößt aber wohl gegen die Regeln weltanschaulicher Korrektheit. "Mohammed war ein Prophet", heißt es in dem Lied, "der von Fußball nichts versteht. Doch aus all der schönen Farbenpracht/hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht". Der Glaubensgründer als Vereinsdesigner?
Blau und Weiß, wie lieb ich dich. Blau und Weiß, Schalke verlass mich nicht. Blau und Weiß ist ja der Himmel nur. Blau und Weiß ist unsre Fußballgarnitur.
Hätten wir ein Königreich machten wir es den Schalkern gleich Alle Mädchen die so jung und schön, Müssten alle Blau und Weiß spazieren gehn.
Mohammed war ein Prophet, der vom Fußball spielen nichts versteht Doch aus all der schönen Farbenpracht, hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.
Tausend Feuer in der Nacht haben uns das große Glück gebracht. Tausend Freunde, die zusammen stehn, dann wird der FC Schalke niemals untergehn.
Es ist nicht erforderlich, das hermeneutische Besteck vollends auszubreiten, um die dürftige Lyrik des Gereimten zu beschreiben. Im Ton des westfälisch-karnevalesken Liedguts wird in der 1963 entstandenen Strophe der Stadion-Hymne wohl auch eine Art verniedlichender Kulturkampf betrieben. Stereotypen vom Muselmann und die Türken vor Wien klingen zweifellos in den Zeilen an, aber letztlich wird der Prophet in der Schalke-Hymne einer frühen Zwangsintegration zugeführt. Der Text geht zurück auf das Jägerlied von 1797, in dem der Patron Mahomed besungen wird. Im Fußball-Fanwesen wird der Verein zur einzigen Religion, aber die anderen werden keineswegs ausgeschlossen. Das muss man nicht witzig finden, doch die blasphemische Energie des Gereimten ist doch eher gering.
Der Konflikt taugt wenig zur Verhandlung von Fragen kultureller und religiöser Differenz. Die Schalker Vereinsführung nimmt die Sache ernst und will sich Islamwissenschaftler auf die Bank holen. Der Zentralrat der Muslime ist ebenfalls geneigt, den Ball flach zu halten, sieht aber dennoch Handlungsbedarf. Der Respekt, den Muslime dem Propheten entgegenbringen, komme in dem Lied nun einmal nicht zum Ausdruck, heißt es. Der infantile Reim als Politikum?
Besorgniserregend ist der skurrile Fall deshalb, weil in ihm die ganze Dynamik eines via Internetmedien in die Welt gesetzten Konfliktstoffs zum Ausdruck kommt. Es ist inzwischen vergleichsweise einfach, den kulturellen Wildwuchs auf Keime zu untersuchen, aus denen unter bestimmten Bedingungen eine gefährliche Infektion werden kann. Aus dem harmlosen Geschwätz eines Internet-Blogs kann plötzlich eine effektvolle Kampagne entstehen, deren Folgen mitunter kaum abzusehen sind. Die Verletzung religiöser Gefühle erweist sich so als Spielball, mit dem möglichst viele Leute ins Stadion gelockt werden sollen.
Die ersten Reaktionen von Schalker und muslimischen Funktionären zeigen aber auch, dass das Problem souverän eingehegt werden kann. Es dürfte keinen Verein in Deutschland geben, der so viele Anhänger muslimischen Glaubens hat wie Schalke. Wenig gottesfürchtig ging es dort schon früher zu, als es hieß: An Jesus kommt keiner vorbei - außer Stan Libuda.
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