Stasi-Chef Erich Mielke? Ein Schriftsteller. Die Kanzler Konrad Adenauer und Willy Brandt? Politiker aus der DDR. So etwas kommt heraus, fragt man heute 17-Jährige. Ein Drittel sortiert die Herrschaften falsch ein, 18 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands.
Das große Wunderding Deutsche Einheit ist längst Geschichte. Die kleine Diktatur DDR versickert in Vergessenheit, und die Wissenslücken der jungen gesamtdeutschen Generation, sie sind so normal wie ihre Lücken über die Jahrhunderte davor. Man darf das bedauerlich finden.
Die Deutsche Einheit ist uns Selbstverständlichkeit geworden, auch wenn ständig über Mauern in Köpfen geredet wird. Manchmal hilft ein Blick über die Grenze: Verglichen mit Belgien, seinen Flamen und Wallonen, verglichen mit den Tschechen und Slowaken, die sich nach dem Zerfall des Ostblocks trennten, sind Ossis und Wessis doch wie Pott und Deckel.
Die Einheit, sie ist Alltag. Die Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse in unserem Lande ist es aber nicht. Weshalb ja auch ständig vom Aufbau Ost geredet wird, wenn der Tag der Einheit ansteht.
Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Ist der Aufbau Ost gelungen oder nicht? Misst man ihn an Helmut Kohls Versprechen von den "blühenden Landschaften" aus den Anfangsjahren, dann ist er eine Enttäuschung. Nimmt man die damals oft zu hoch gespannten Erwartungen der Ostdeutschen zum Maßstab, die sich eher an einer reichen Oberschicht West orientierten und nicht vernünftigerweise an den Nachbarn in Polen und Tschechien, dann ist das Unternehmen Aufbau Ost natürlich schiefgelaufen.
Misst man es aber am wahren Zustand der untergegangenen DDR, erinnert man sich an verrottete Industriebetriebe, eine niemals wettbewerbsfähige Wirtschaft, an stinkende Flüsse, dreckige Luft und zerfallende Städte - dann ist unendlich viel geschehen zwischen Erzgebirge und Ostsee seit 1990.
Die Flüsse sind sauber, viele Städte wieder aufgeblüht. Wer in Görlitz lebt, in Dresden, Potsdam, Quedlinburg, Erfurt oder Schwerin, der weiß das. Die Krankenhäuser im Osten sind moderner als die im Westen. Die Straßen, die Autobahnen, das Bahnnetz sind erneuert oder ausgebessert - heute rumpelt es im Ruhrgebiet häufiger als in Thüringen oder Brandenburg. Die Region Dresden ist zum bedeutendsten Chipindustriestandort Europas aufgestiegen. Autoindustrie, Metallbetriebe, die Schiffswerften an der Ostsee, der Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern, die Landwirtschaft - es gibt eine Menge Dinge, die gut funktionieren.
Und dennoch: Trotz der rund 1,5 Billionen Euro, die Deutschlands Wiedervereinigung bislang gekostet hat, trotz der Transferleistungen von 156 Milliarden Euro, die noch bis zum Ende des Solidarpaktes II im Jahr 2019 fließen werden, wirtschaftlich steht Ostdeutschland nicht auf eigenen Füßen. Die Arbeitslosigkeit bleibt deutlich höher, die wirtschaftliche Leistungskraft beträgt erst 67 Prozent des Westniveaus. Und wächst sie derart langsam weiter, ist Gleichstand erst in 320 Jahren erreicht.
Aber wie sollte es auch anders sein. "Auferstanden aus Ruinen", der Text der DDR-Nationalhymne beschreibt am besten, wo die ostdeutsche Wirtschaft 1990 anfing. Nämlich bei null. Es war im Grunde eine Neugründung. Bis heute unterscheidet sich die Ökonomie im Osten deutlich vom Westen: Kein bedeutender Konzern hat seinen Stammsitz jenseits der Elbe, es fehlen immer noch Tausende Unternehmen und Unternehmer, die Arbeit schaffen könnten. Die mittelständischen Betriebe Ost sind viel kleiner als im Westen. Es ist einfach weniger da, das wachsen kann. Und Politik kann keine Firmen gründen. Das müssen schon andere tun. Es braucht also Zeit, sehr viel Zeit.
Beim Aufbau Ost ist das Klotzen vorbei. Nun wird gekleckert: Die Transfers gehen ab 2009 langsam, aber stetig zurück. Die ostdeutschen Landesregierungen müssen ihre Etats drastisch herunterfahren. Und die Annäherung der Lebensverhältnisse, das große Versprechen? Man muss nur richtig vergleichen: Dresden mit Hannover, Magdeburg mit Kaiserslautern, die Lausitz mit dem Bayerischen Wald. Der Westen war noch nie überall reich. Und der Osten ist auch längst nicht mehr überall arm.
Bei aller innerdeutschen Rechnerei sei an einen Satz des klugen Richard Schröder erinnert: "Die deutsche Einheit kostet bloß Geld, kein Blut." Auch etwas, an das zu denken sich lohnt - 18 Jahre danach.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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