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07. Mai 2014

Ukraine Leitartikel: Die Farben des Friedens

 Von 
Eine Frau demonstriert für den Frieden zwischen Russland und der Ukraine.  Foto: dpa

Glauben auch Sie, dass Wladimir Putin der bessere Verbündete sei als die USA? Kommt Ihnen die Berichterstattung zur Ukraine einseitig vor? Dann sind hier ein paar Vorschläge zur Güte.

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Wer in diesen Tagen mit gut informierten Zeitgenossinnen und -genossen spricht, stößt auf massive Unverträglichkeiten zwischen dem medial vermittelten Bild von der Ukraine-Krise und einer Wahrnehmung, die in Freundeskreisen und Netzforen häufig zum Vorschein kommt. Während „die Medien“ die Sichtweise der Nato, der EU und/oder der USA transportierten, so die These, unterdrückten sie die „Wahrheit“ über das Geschehen.

Versuch, eine Brücke zu bauen

Sollten Sie ähnlich denken, dann wird Sie auch dieser Text vielleicht nicht überzeugen. Aber der Versuch, eine Brücke zu bauen, soll dennoch nicht unterbleiben. Es darf hier ausnahmsweise von einem Kneipengespräch berichtet werden. Die Argumente der Diskussionspartner liefen in etwa auf Folgendes hinaus: Während der Westen seit Jahren die russischen Interessen missachtet und sich immer weiter nach Osten ausgebreitet habe (Nato- und EU-Erweiterung, Jugoslawien-Krieg, Libyen), gebe es von Wladimir Putins Russland nichts Vergleichbares zu berichten.

Die „Revolution“ vom Maidan in Kiew sei ein USA- und EU-gesteuerter, illegaler Aufstand gegen eine nicht gerade sehr demokratische, aber doch gewählte Regierung gewesen. Die Menschen auf der Krim, so die Gesprächspartner weiter, hätten sich mit demokratischer Mehrheit für Russland entschieden und gegen eine ihre Rechte missachtende Kiewer Übergangsregierung. Hinzu komme Russlands Recht, seine Schwarzmeerflotte zu schützen. Die Beobachtermission, die zwar nach OSZE-Regeln stattgefunden habe, sei gar keine OSZE-Mission gewesen, sondern eine zwischen westlichen Hauptstädten und dem von „Faschisten“ durchsetzten Kiewer Regime abgestimmte Provokation.

Für die These, dass Putin die Unruhen in der Ostukraine provoziere, gebe es keinen Beweis, sie sei eine von opportunistischen Medien verbreitete Propaganda-Behauptung. Und dann etwas allgemeiner: Dass Putin autoritär regiere, sei zwar nicht von der Hand zu weisen, aber seien die USA etwa eine Demokratie? Dass Putin in Tschetschenien brutal vorging – auch nicht bestritten, aber was sei mit den Angriffen kaukasischer Terroristen in Moskau? Überhaupt sei es angebracht, zunächst auf die Verbrechen der eigenen Regierungen zu schauen.

Die Lösung, so ein Gesprächspartner, liege womöglich in einer „eurasischen“ Staatengemeinschaft von Westeuropa bis China, die die Vorherrschaft Washingtons brechen könnte. Dass diese These auch bei Rechtsextremen einige Sympathie genieße, spiele keine Rolle und als Rechter abstempeln lasse man sich nicht. Man kann gegen all das mit dem Hinweis auf das autokratische, minderheitenfeindliche und expansive Gebaren Moskaus argumentieren.

Politik der Verhandlung


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Man kann die Legitimität des Krim-Referendums infrage stellen und Russlands Einfluss in der Ostukraine für erwiesen halten – es hilft bei der Verständigung kaum weiter, denn man steht im Verdacht, westlichen Propaganda-Lügen leichtfertig zu erliegen. Versuchen wir es also anders: Ja, Sie haben auch aus unserer Sicht mit manchem recht. Ja, auch wir übersehen nicht – und haben es in dieser Zeitung kritisiert –, dass die Politik von Nato, USA und EU es häufig an Rücksicht auf russische Interessen hat fehlen lassen. Wir sehen – und haben es geschrieben –, dass in der Kiewer Regierung äußerst fragwürdige rechte Gruppen vertreten sind. Wir haben auf berechtigte geostrategische Interessen Moskaus hingewiesen. Und wir haben – überzeugt, dass zuerst vor der eigenen Tür gekehrt werden muss – für eine Politik geworben, die auf Verhandlungen setzt. Und wir versuchen täglich, uns von offiziellen Quellen oder gar Propaganda so unabhängig zu machen wie möglich.

Allerdings: Wir konnten und wollten uns nicht entschließen, die „andere Seite“ aus der Kritik auszunehmen oder gar als bessere Alternative zu preisen. Wir sind überzeugt, dass glaubwürdige Einschätzungen des Geschehens oder gar Lösungsansätze nicht entstehen können, wenn man sich für eine Aufteilung der Welt in Gut und Böse entscheidet – und zwar unabhängig davon, wen man nun für die Guten hält und wen für die Bösen.

Vorschlag zur Güte: Gehen Sie mit uns davon aus, dass dieser Konflikt zum großen Teil aus mehr oder weniger aggressiver Interessenpolitik besteht, auf beiden Seiten. Ärgern Sie sich mit uns, wenn der Westen seine eigenen Prinzipien verletzt. Suchen Sie mit uns nach Modellen, die die Interessen aller Seiten wahren. Aber schlagen Sie sich nicht einfach auf die andere Seite, wenn auch die eigene sich fragwürdig verhält. Trauen Sie dem deutschen Außenminister mal zu, dass er – aller platten Gut-Böse-Rhetorik zum Trotz – mit Überzeugung den Ausgleich sucht. Und betrachten Sie Ihren möglichen Wunschpartner Putin so kritisch, als müssten Sie in seiner „gelenkten Demokratie“ selbst leben.

Wie gesagt: All das mag Sie nicht überzeugen. Aber es lässt Sie vielleicht ahnen, dass wir Medien auch etwas anderes sein könnten als der Büttel westlich-imperialistischer Welteroberer. Und dass Schwarz-Weiß nicht die Farbe des Friedens ist.

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