Es war ja schon fast vergessen, um was für einen Polter-Politiker es sich bei dem ehemaligen CDU-Generalsekretär schon immer handelte. Fast vergessen die Wut der westdeutschen 80er-Jahre-Friedensbewegung über die gezielte Diffamierung: "Ohne den Pazifismus der dreißiger Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen" (die übrigens den Charakter einer Diffamierung nicht dadurch verliert, dass Geißler später so tat, als habe er nur die vorsichtige Anti-Hitler-Politik der Westeuropäer gemeint und nicht die westdeutschen Anti-Raketen-Demonstranten). Alles schon vergessen, denn nun haben wir Geißler, den schlitzohrigen Schlichter, der diese Rolle ja nun wirklich mit einiger Bravour gemeistert hat - bis hin zu seinem "Friedensangebot" vom Freitagabend (kleiner Bahnhof unten, größerer Bahnhof oben).
Vor lauter Staunen über diesen Schlichterspruch wäre ein anderer, ein allzu schlichter Spruch fast untergegangen. Wenn man wolle, so Geißler sinngemäß, dann könne man natürlich auch nach der Devise "Wollt ihr den totalen Krieg?" verfahren.
Es gibt gute Gründe, dieses Zitat höchst geschmacklos zu finden. Mit dem "totalen Krieg", den Joseph Goebbels 1943 ausrief, dem Vernichtungsfeldzug der Nazis also, haben die Stuttgarter Auseinandersetzungen nun wirklich nichts gemein. Und es bleiben die inflationären Vergleiche von allem und jedem mit den Nazis auch bald 70 Jahre danach eine Verharmlosung der Hitlerschen Verbrechen.
Allerdings: Nicht jeder, der zu diesen Formulierungen greift, ist gleich pauschal des beschönigenden Umgangs oder gar der Sympathie mit den Nazis zu verdächtigen. Hätte Geißler in seinem bemerkenswerten Deutschlandfunk-Interview am Dienstagmorgen gesagt: "Okay, der Vergleich ist historisch unsinnig und auch heute nicht ungefährlich, ich nehme ihn zurück" - das hätte wahrscheinlich genügt. Statt dessen beharrte er stur genau darauf, in Sachen Stuttgart 21 von "totalem Krieg" zu sprechen. Und fügte hinzu, was er nicht hätte hinzufügen dürfen.
Auszug aus dem Interview
Frage: "Aber die Frage ,Wollt ihr den totalen Krieg' stammt von Joseph Goebbels."
Antwort Geißler: "So? Da wissen Sie mehr als ich."
Natürlich darf Heiner Geißler auch diese Dummheit begehen, wir haben Redefreiheit. Aber politisch, historisch und moralisch darf er das nicht. Politisch, historisch und moralisch bedeutet die vermeintliche oder wirkliche Unkenntnis über die Urheberschaft dieser furchtbaren Kriegsdrohung seine Disqualifikation als herausragender Akteur in einer wichtigen politischen Frage.
Es muss niemanden wundern, wenn aus den Reihen der S21-Befürworter dieser Lapsus jetzt direkt mit der Schlichtungstätigkeit in Verbindung gebracht wird, um Geißler unmöglich zu machen. Das hat er selbst getan. Und sollte seiner Schlichtungsarbeit den letzten Gefallen tun: sie von anderen vollenden zu lassen.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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