Reporter leben von der Redseligkeit der Leute, und obwohl es unwahrscheinlich klingt, gehören somalische Piraten zu dieser Sorte. Sie kapern entlang der Küste von Somalia Schiffe und verlangen dann hohes Lösegeld. Schiffsbesitzer zahlen Millionen, um Mannschaft und Fracht zu retten. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 300 Schiffe jeder Größe und Nationalität gekapert.
Die Redseligkeit der Piraten ist beinahe genauso beeindruckend wie ihre Beute. So erfuhr ich von dem Piraten Mohammed, er hätte zwei Frauen und drei Kinder zu ernähren. Umgerechnet 450 Euro würde er ihnen pro Monat zahlen, das ist viel im Armenhaus Somalia. Wie solle er an Geld kommen, wenn nicht durch Piraterie?
An Mohammeds Schulter hingen ein Schnellfeuergewehr und ein Patronengürtel. Der klirrte, wenn Mohammed über griechische Schiffsbesitzer schimpfte: „Die haben viele Schiffe, aber keine Dollar.“ Griechische Reeder zahlten nicht. Schon einige Male habe man griechische Kutter nach erfolglosen Schreiereien über Satelliten-Telefone freigelassen. Amerikaner und Deutsche hingegen zahlen laut Mohammed gut und sind bei Somalias Piraten dementsprechend beliebt. Beruhigend zu hören, wenn man als deutsches Fernsehteam unter Piraten ist.
Bevor mir Mohammed sein Herz öffnete, hatte die Gruppe, die ich in der somalischen Piraten-Hochburg Hobyo traf, meinen Kameramann und mich lange von der Seite betrachtet. Bald erfuhr ich, warum. Weil Somalia seit Jahrzehnten von der Welt abgeschnitten ist, hatten die Piraten noch nie Weiße gesehen. Als sie sich einmal an unseren Anblick gewöhnt hatten, hörten sie nicht mehr auf zu reden. Der Konsum von Kat, eine in Somalia legale Droge, lockerte ihre Zungen. Kat macht erst aggressiv, dann müde. Mein furchtloser Kameramann kaute aus Neugierde eine Weile, bis er glasige Augen bekam und klugerweise aufhörte.
Kat-Kauer und Pirat Said kam etwa um diese Zeit erst richtig in Fahrt. Er erzählte, jeder Pirat, verheiratet oder nicht, habe es bei Mädchen wegen der vielen „Kohle“ leicht. Er unterlegte seine Prahlereien mit Fotos hübscher Mädchen auf seinem Handy.
Ein anderer erzählte mir, er habe von seinem Teil des Lösegelds ein Grundstück gekauft. Sobald die nächste Zahlung komme, werde er ein Haus bauen, während andere das Geld nur zum Fenster hinauswürfen, für Frauen, für Kat, für Waffen.
Das Waffenarsenal der Piraten ist beeindruckend. Da sie alle jung und unterernährt sind, möchte man meinen, sie würden unter dem Gewicht ihrer Gewehre, Pistolen und Patronengürtel zusammenbrechen. Sie essen einmal am Tag und schlafen auf dem Boden. Eines Morgens aber schlich sich Oberpirat Achmed an mich heran und bat um meine Visitenkarte. Ob ich ihm denn ein Visum besorgen könne? Er würde gerne mit diesem Geschäft aufhören. Ein anderer wollte ausgerechnet Polizist werden.
Am Ende der Reportage hatte ich mit den Jungs beinahe Mitleid, umso mehr als sie uns nicht mehr aus den Augen ließen. Sie wollten uns „beschützen“ und kamen mit bis zum Flughafen. Da stand in einer Ecke eine kleine Maschine geparkt. „Sollen wir die entführen?“, fragte der Piratenanführer. Mein Kameramann und ich verabschiedeten uns schnell.
Antonia Rados ist Fernsehjournalistin.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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