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Kolumne: Unterwegs im Ramadan

Nur nachts zu essen, zu trinken und zu rauchen ist nicht jedermanns Sache. Kurz nach 9/11 legten vier meiner Kollegen um die Mittagszeit auf einer afghanischen Überlandstraße eine Rauchpause ein. Es war im Ramadan. Alle vier Reporter wurden von Taliban ermordet.

Hunger! Anders lässt sich das flaue Gefühl im Magen nicht beschreiben, das mich befällt, während ich auf dem Rücksitz Platz nehme, eingekeilt zwischen dem fastenden Leibwächter Mohammed und dem fastenden Fahrer Said. Wir haben Ramadan. Millionen Moslems haben vier Wochen lang tagsüber nichts gegessen und ich ungewollt genauso wenig. Da während des Fastenmonats die Welt nicht stehenbleibt, geht die Arbeit eines Reporters weiter, wenn auch langsamer. Ich bin unfreiwillig auf Diät und entsprechend geschwächt.

In einigen muslimischen Ländern, in denen ich unterwegs bin, sind im übermorgen endenden Fastenmonat nicht nur Restaurants geschlossen, sondern auch kleinste Kebab-Buden und Tee-Stuben. Alles ist wie gelähmt. Weil alle weder essen noch trinken oder rauchen dürfen, rasten die meisten Menschen tagsüber. An einigen Orten, wie in Jordanien, wird ein Ausländer im Restaurant zwar bedient, muss jedoch versteckt hinter Vorhängen das Essen zu sich nehmen.

Sobald die Sonne am Horizont verschwindet, erwacht die Bevölkerung. Lichter gehen an. Tische biegen sich unter den Speisen. In Ägypten sah ich vor Häusern gedeckte Tafeln, an denen sich Arme gratis satt essen, vorausgesetzt, sie warten bis Einbruch der Dämmerung. Bedürftigen zu helfen gehört zum Ramadan wie das Fasten.

Nur nachts zu essen, zu trinken und zu rauchen ist wirklich nicht jedermanns Sache. Vor genau neun Jahren, im Spätherbst 2001, kurz nach den Anschlägen in den USA also, legten vier meiner Kollegen um die Mittagszeit auf einer afghanischen Überlandstraße eine Rauchpause ein. Es war im Ramadan. Alle vier Reporter wurden von Taliban ermordet. Offenbar rasten Radikale im Ramadan nicht, obwohl sie die Fastenregel besonders strikt einhalten sollten.

Ein islamischer Gelehrter gab mir einen Tipp, wie der Ramadan unbeschadet zu überleben sei: Niemand dürfe mir vorschreiben, wann und was ich äße, denn als Nichtmuslimin sei ich nicht betroffen. Für Reisende sei Essen ohnehin erlaubt, auch Kranke müssen nicht hungern.

An den Ratschlag des Gelehrten erinnerte ich mich, nachdem ich mehrere Tage mit Said und Mohammed verbracht und gehungert hatte. Ich kaufte mir Kekse, und als wir am nächsten Morgen losfuhren, steckten sie in meiner Tasche. Die Packung war gerade richtig, um meinen schlimmsten Hunger tagsüber stillen zu können. Als mein Magen zu knurren begann, packte ich die Kekse aus. Saids Blick fiel darauf, und ich steckte alles mit schlechtem Gewissen wieder ein. Ich hungerte trotz Kekspackung in der Tasche.

Nächster Tag, neuer Versuch. Diesmal nahm ich einen Keks nach dem anderen in der Tiefe der Tasche aus der Verpackung und schob sie diskret in den Mund. Da schauten Said und der Leibwächter in meine Richtung. Also bot ich ihnen Kekse an. Große Überraschung: Sie steckten sie in den Mund. Wir waren fünf Personen im Auto, daher bekam ein jeder nicht mehr als drei Kekse. Wieder blieb mein Magen den halben Tag über leer.

Trotz Ramadan bekamen mein Kameramann und ich vom mitleidigen Besitzer unseres Hotel ein Frühstück serviert. Eines Morgens war eine neue Aushilfe da, aber kein Frühstück: „Ramadan!“, sagte die Frau bedeutungsvoll.

Autor:  Antonia Rados
Datum:  8 | 9 | 2010
Kommentare:  7
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