kalaydo.de Anzeigen

Kolumne: Wutbürger, nein danke

Den Politikern gebührt Lob. Sie verhindern blanke Selbstsucht, sie schaffen den Rahmen für zivilisiertes Leben.

Götz Aly.
Götz Aly.

Vor 70, 80 Jahren ließen bestimmte deutsche Politiker gern der Volkswut freien Lauf. Diese zerstörte die erste deutsche Republik und nicht nur die. In jüngerer Zeit gebärdete sich die Bild-Zeitung als Anwältin der Benzinwut, neuerdings flechten die Grünen dem sogenannten Wutbürger Lorbeerkränze. Mit seiner unangenehm deutschen Gattungsbezeichnung schaffte es der Wutbürger zum Wort des Jahres 2010.

Wer ist dieses merkwürdige Wesen? Was bildet es sich ein? Der Wutbürger will fliegen, aber keinen Fluglärm; er will Ökostrom, aber kein Windrad im Blick; er schimpft auf „die Abzocke“ der Krankenkassen und Pharmakonzerne, rennt aber durchschnittlich 17-mal pro Jahr zum Arzt. Der Prenzlauer-Berg-Wutbürger möchte in einer äußerlich angegammelten, im Inneren exklusiven Gegend wohnen und keinesfalls eine Straßenbahnhaltestelle vor der Türe oder eine Schule in Hörweite seines Dachgärtchens. Der Hamburger Wutbürger will das wilhelminische Dreiklassenschulsystem unbedingt erhalten und, selbst ganz Bioladen, die Alexanders sorgsam von den Kevins und Muhameds scheiden. Eine Berliner Bürgerinitiative wollte unbedingt den Flughafen Tempelhof in Betrieb halten, um des „urbanen Lebensgefühls“ willen. Kurzum: Der Wutbürger ist eine Erscheinung des gehobenen Mittelstands, weswegen er in Stuttgart häufiger angetroffen wird als in Cottbus.

Zumutung! Frechheit! Politikerarroganz! So schnauben die Wutbürger und verhalten sich egoistisch bis zur Oberkante. Das mag legitim sein. Das Besondere ist nur, dass sie ihre Interessen lautstark als wichtigen Bestandteil des Gemeinwohls ausgeben, von Politikverdrossenheit lamentieren und den Anschein erwecken, als seien sie die besseren Menschen. Mit solchen Leuten ist kein Staat zu machen. Sie gehören mittels Gesetzen und Gerichten, parlamentarischen und exekutiven Regeln gebändigt. Es ist falsch, massiert auftretende Wutbürger zu verhätscheln und um ihretwillen plebiszitäre Verfahrensweisen leichtfertig auszudehnen. Weder die Rente mit 67 noch Gehaltserhöhungen für Beamte noch irgendeine Straße, Eisenbahn- oder Stromtrasse, kein Kindergartenneubau wäre auf dem Weg sogenannter direkter Demokratie – „mehr Partizipation“ – durchzusetzen.

Unsere Politiker nehmen uns Hunderte von Entscheidungen ab, die zu treffen wir ohne sie niemals in der Lage wären. Sie arbeiten Tag für Tag an den Kompromissen, in denen unsere unterschiedlichen Interessen halbwegs aufgehen. Sie verhindern blanke Selbstsucht, sie schaffen den Rahmen für zivilisiertes Leben. Die repräsentative Demokratie mit ihrem vielgliedrigen Staatsaufbau, ihrem Verwaltungsrecht, ihren Gerichten, gewählten Körperschaften und Repräsentanten ist viel besser als ihr Ruf. Angesichts des heimischen Wutbürgers ist es an der Zeit, unseren – im Übrigen nicht besonders gut bezahlten – Politikern schlicht und einfach zu danken.

Ein Nachtrag: Vor 14 Tagen hatte ich an dieser Stelle die Nachlassverwalter von Willy Brandt gebeten, dessen bedeutende Rede „Deutschland, Israel und die Juden“ ins Internet zu stellen. Darauf reagierte die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung sofort. Interessierte finden den Text des am 16. März 1961 im New Yorker Herzl-Institut gehaltenen Vortrags inzwischen unter http://www.bwbs.de/Brandt/9.html.

Autor:  Götz Aly
Datum:  27 | 12 | 2010
Kommentare:  26
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.