Trotz des seit vielen Jahren andauernden Isaf-Einsatzes in Afghanistan bleibt die Lage am Hindukusch äußerst unsicher und eine der ernsthaftesten Quellen für Instabilität in der Welt. Die deutsche Bundesregierung bekannte kürzlich, dass Deutschland dort tatsächlich in erster Linie Krieg führt und nicht etwa humanitäre Hilfe leistet. Dieses Bekenntnis war notwendig. Nun muss ermittelt werden, gegen wen sich dieser Krieg eigentlich richtet.
Warum ist denn die Lage in Afghanistan nach wie vor so instabil? Die Antwort auf diese Frage führt uns zu den tatsächlichen Gründen für diese Situation und auch dazu, wie sie beseitigt werden können. Hauptursache ist nicht etwa das Terrornetzwerk Al-Kaida. Es wurde bereits durch die Nato-Truppen recht erfolgreich aus dem Land verdrängt. Genauso wenig sind die Taliban als Ursache anzusehen – deren Aufstand wird mehr und mehr zu einer „sozialen“ Bewegung, mit der man in einen Dialog treten sollte, anstatt sie auszumerzen. Der wahre Grund für die Instabilität ist der Handel mit Drogen.
Nach Ansicht der Nato hat sich Afghanistan im vergangenen Jahrzehnt in ein profitables Zentrum der Drogenproduktion verwandelt, das fast die ganze Welt mit Opium versorgt. Offizielle Angaben der Vereinten Nationen zeigen, dass die Opiumproduktion in Afghanistan zwischen 2001 und 2009 um mehr als das Vierzigfache gestiegen ist. Schätzungen zufolge sind 13 Prozent der Bevölkerung des Landes in der Drogenindustrie beschäftigt.
Russland ist im besonderen Maße betroffen
Dies zieht verheerende Folgen für die Isaf, aber auch für die Gesellschaften unserer Länder nach sich. Die Drogenbarone finanzieren nicht nur den Aufstand der Taliban. Sie verbreiten auch Kriminalität und Drogenabhängigkeit in der ganzen Welt. Russland ist davon im besonderen Maße betroffen. Das Problem des Heroingebrauchs ist in den vergangenen Jahren wie ein lautloser Tsunami über uns hereingebrochen. Nach Expertenangaben gibt es in Russland rund 2,5 Millionen Drogenkonsumenten. Und wir sind nicht das einzige Land, das mit dieser Epidemie zu kämpfen hat. Nach UN-Angaben sterben jährlich 100.000 Menschen an den Folgen des Konsums afghanischer Drogen. 10.000 von ihnen stammen aus Mitgliedstaaten der Nato.
Dennoch war der Kampf der Nato gegen die Produktion von Heroin in Afghanistan bislang äußerst zurückhaltend. Dies wurde damit begründet, dass die Zerstörung der Mohnfelder die Existenz der Kleinbauern im Land bedroht. Wir müssen jedoch eine Möglichkeit finden, den Bauern eine alternative Lebensgrundlage zu geben. Dazu muss starker Druck auf die Landbesitzer ausgeübt werden; denn sie sind es, die sowohl die Felder als auch die Bauern kontrollieren und enorm von der Drogenproduktion profitieren.
Ende Oktober 2010 hat die von mir geleitete Behörde einen ersten gemeinsamen Einsatz zusammen mit US-amerikanischen und afghanischen Einheiten durchgeführt, bei dem vier Drogenlabore zerstört wurden. Dieser Erfolg zeigt, welches Potenzial in der Zusammenarbeit steckt. Es bleibt jedoch noch viel zu tun, vor allem im Norden Afghanistans, wo die Zahl der Drogenlabore in den vergangenen anderthalb Jahren stark gewachsen ist. Außerdem darf man nicht vergessen, dass ein Großteil der Drogen, die nach Russland und in die EU gelangen, aus eben diesem Teil Afghanistans stammt.
Modifizierung des Isaf-Mandats
Zur Verstärkung des Kampfes gegen die Drogenproduktion in Afghanistan hat Russland einen umfassenden Plan erarbeitet, der aus sieben Punkten besteht und viele Aspekte einbezieht, darunter die Zerstörung von Mohnfeldern, internationale Sanktionen gegen die Drogenbarone sowie eine Modifizierung des Isaf-Mandats. Natürlich muss auch das zivile Leben in Afghanistan wiederhergestellt werden. Nur so können wir dem afghanischen Volk helfen, eine andere Lebensgrundlage für diejenigen zu finden, die derzeit im Drogenhandel aktiv sind.
Russland ist bereit, seinen Beitrag zur Erreichung dieses Ziels zu leisten. Eine gemeinsame Erklärung, die von den Präsidenten Medwedew und Karsai im Januar in Moskau unterzeichnet wurde, sieht die Umsetzung einiger von Russland geleiteter Projekte in Afghanistan vor – vom Bau von Wasserkraftwerken bis hin zur Gründung einer Universität. Dabei sollten wir die Atmosphäre der Annäherung Russlands und der Nato nutzen und mit Hilfe dieser Strategie sowie in enger Zusammenarbeit gegen die gemeinsame Gefahr vorgehen.
Da der Drogenhandel keine Grenzen kennt, muss der Kampf gegen die Drogenbarone, durch die er entsteht, in enger Zusammenarbeit mit den USA, der G8, der G20 und anderen internationalen Gruppen und Organisationen stattfinden. Ohne eine effektive Strategie für den Kampf gegen die Drogenproduktion wird Afghanistan auch im kommenden Jahrzehnt ein Herd für internationale Instabilität und Kriminalität bleiben.
Viktor Iwanow ist Leiter des Diensts der Russischen Föderation zur Kontrolle des Drogenhandels.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.