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Leitartikel zum Fall Strauss-Kahn: Zeugin im Zwielicht

Mit Unschuldsvermutung ist nicht gemeint, dass wir jetzt vermuten sollen, Strauss-Kahn sei unschuldig. Wir müssen nur begreifen, dass es mit Vermutungen nicht getan ist.

 Arno Widman
Arno Widman

Ein New Yorker Gericht hat den ehemaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn unter Auflagen freigelassen. Die genauen Gründe kennen wir noch nicht. Die Staatsanwälte haben inzwischen große Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens, das behauptet, von Strauss-Kahn zum Oralverkehr gezwungen worden zu sein.

Nach unserem Kenntnisstand weiß die Staatsanwaltschaft nichts Neues über die Vorgänge vom 14. Mai 2011 in der New Yorker Hotelsuite. Sie sieht aber das vorgebliche Opfer heute mit anderen Augen als damals. Die aus Guinea stammende Frau soll bei den Angaben zu ihrem Asylantrag gelogen haben. Außerdem wurden über ihr Konto in den vergangenen zwei Jahren insgesamt um die 100000 US-Dollar verschoben. Darunter von einem Mann, der wegen des Besitzes von 200 Kilo Marihuana im Gefängnis sitzt. Mit ihm hat das Zimmermädchen einen Tag nach der Tat auch telefoniert, um von ihm Tipps zu bekommen, wie viel ihr es bringen könnte, gegen Strauss-Kahn vorzugehen. Im Lichte dieser Erkenntnisse sieht die Frau, die 2002 in die USA kam, anders aus als in den bisher bekanntgewordenen Aussagen ihrer Kolleginnen und Nachbarn. Sie zeichneten von ihr das Bild einer aufopferungsvoll, hart arbeitenden Mutter.

Was den Tathergang selbst angeht, steht immer noch Aussage gegen Aussage. Wenn es um Glaubwürdigkeit geht, hat Dominique Strauss-Kahn in dieser Sache schlechte Karten. Zunächst hatte er behauptet, nichts mit dem Zimmermädchen gehabt zu haben, dann belegte er das mit einem vorgeblichen Mittagessen mit seiner Tochter zur fraglichen Zeit. Bis endlich seine Anwälte, Benjamin Brafman und William Taylor, erklärten, es habe Sex gegeben, aber es sei „einvernehmlicher Sex“ gewesen. Kurz danach war dank eines DNA-Vergleichs der Nachweis erbracht worden, dass die Samenspuren auf der Kleidung des Zimmermädchens zweifellos vom damaligen Chef des Internationalen Währungsfonds stammten.

Die Erschütterung der Glaubwürdigkeit der Frau war die erklärte Strategie der Verteidiger. Jetzt hat einen guten Teil dieser Arbeit oder doch jedenfalls ihrer Veröffentlichung die Staatsanwaltschaft selbst besorgt. Das erleichtert das Geschäft der Verteidigung. Wenn das Geschehen in der Hotelsuite nicht weiter aufgeklärt werden kann, wenn sich also nicht zweifelsfrei entscheiden lässt, ob einvernehmlicher oder erzwungener Sex stattgefunden hat, dann steht und fällt die Anklage mit der Frage der Glaubwürdigkeit.

Wird dem Zimmermädchen nicht mehr geglaubt, dann muss die Anklage gegen Strauss-Kahn fallengelassen werden. Im Zweifel für den Angeklagten. Das heißt nicht, dass sie gelogen hat, was den Tathergang angeht. Natürlich sagt so etwas nichts über das, was sich an dem Vormittag des 14. Mai wirklich in dem Hotelraum abgespielt hat. Es sagt nur, dass man keine Gewissheit über den Vorgang hat und darum nicht in der Lage ist, ein Urteil zu fällen.

Es sagt allerdings auch noch etwas anderes, sehr viel Wichtigeres: Ein Zimmermädchen, das Verbindungen zu Mafia-Kreisen hat, hat kaum eine Chance gegen einen IWF-Präsidenten. Das hört sich schrecklich an. Das ist ein vernichtendes Urteil über unser Rechtssystem? Nein. Das ist es definitiv nicht. Man kann jemanden nicht für eine Tat verurteilen, von der man nicht zweifelsfrei weiß, dass er sie begangen hat. Die Unschuldsvermutung gilt auch für Dominique Strauss-Kahn.

Mit Unschuldsvermutung ist nicht gemeint, dass wir jetzt auch vermuten sollen, er sei unschuldig. Wir müssen nur begreifen und akzeptieren, dass es mit Vermutungen nicht getan ist. Entscheidend ist, welche Vermutungen sich beweisen lassen, und wenn sich keine beweisen lässt, dann gilt auch für Dominique Strauss-Kahn: Im Zweifel für den Angeklagten.

Bei unseren französischen Nachbarn mehren sich jetzt die Stimmen, die Strauss-Kahn wieder als Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen ins Gespräch bringen. Will man wirklich den Staat gelenkt wissen von einem Mann, der aus der Dusche kommend schnell mal Sex mit dem Zimmermädchen hat, dann aber behauptet, sie nie gesehen zu haben, und erst, als die Veröffentlichung der DNA-Analyse droht, plötzlich von „einvernehmlichem Sex“ reden lässt? Gibt es tatsächlich in der ganzen großen Sozialistischen Partei Frankreichs keine Alternative zu so einem Mann?

Autor:  Arno Widmann
Datum:  2 | 7 | 2011
Kommentare:  57
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