Es hätte so schön sein können. Ein sonniger Vorfrühlingstag, veritables Festtagswetter, eine Feierstunde in der Hambacher Kirche mit musikalischer Umrahmung, und dann am heutigen Samstag die Ausstellungseröffnung "100 Jahre Odenwaldschule". Doch nun das. Über "Leben und Lernen nach dem Missbrauch" wird gesprochen, so der Titel der Podiumsdiskussion, die am Freitagnachmittag in der überfüllten Theaterhalle des Internats stattfindet.
"Der Boden, auf dem die Odenwaldschule steht, ist durch ein Erdbeben ohnegleichen ins Wanken geraten", sagt Schulleiterin Margarita Kaufmann. Doch es beginnt verblüffend. Vier Altschüler, die in den 60er und 70er Jahren an der "OSO" waren, sind neben einer Opferanwältin und einer Expertin der Hilfsgruppe "Innocence in Danger" eingeladen.
Amelie Fried darunter, die bekannte Moderatorin, Autorin und Alt-Schülerin, ebenso der Journalist Johannes von Dohnanyi. Doch Zuhörer, die gleich neue Skandalgeschichten erwartet haben, werden enttäuscht. Denn als erstes gibt es Lob, jede Menge Lob. "Ich war hier sehr gerne Schülerin. Es war eine sehr schöne Jugendzeit", sagte Fried. Dohnanyi sekundierte: Es sei seine "beste Schulzeit gewesen", die er hatte.
Nach und nach wird deutlich, welches Doppelgesicht die Odenwaldschule hatte. Alt-Schüler Quintus von Tiedemann empfand das Leben am Internat auch als "permanente Grenzverletzung": In seiner Schul-"Familie" habe "der Lehrer die Schüler zum Wecken zuerst auf den nackten Bauch geschlagen, dann auf die Hoden." An der Schule seien die Übergriffe allgemein bekannt gewesen, sagt auch Thomas Bockelmann. Die Schüler hätten über den damaligen Rektor gesungen: "Der Becker, der Becker, der findet Jungens lecker, fidirallala."
Unfasslich heute, dass es keinen Aufstand gab: Ein "Schweigekartell" sei das gewesen, mutmaßt Dohnanyi. Desinteresse der Eltern? Geschickt konstruierte Abhängigkeiten? Ein Kartell, dass nun, mit 40 Jahren Verspätung umso heftiger auffliegt.
Seit Anfang März, als die FR nach 1999 zum zweiten Mal groß über die Missbrauchsfälle berichtete, vergeht keine Woche, in der nicht neue unglaubliche Details über den Missbrauch an die Öffentlichkeit drangen, in deren Mittelpunkt der frühere Rektor Gerold Becker stand. Die Schule spricht heute von rund 40 Opfern. Ermittelt wird gegen elf Lehrer; während der Übergriffe von 1966 bis 1991 nahm also zeitweise die Hälfte der männlichen Lehrer an der Sex-Ausbeutung der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen teil. Mehr als zwei Jahrzehnte der Schule-Geschichte sind überschattet.
Altschülerin Fried lobte am Freitag die Medien für deren Hartnäckigkeit. "Ohne sie wäre gar nichts passiert", ruft sie aus. Und bekommt Beifall satt dafür.
Doch Lautstärke kann täuschen. Denn noch immer ist es in OSO-Kreisen kein Allgemeingut, dass offensiv mit den Vorfällen umgegangen werden muss. Der Grund: Eine ganze Reihe Lehrer ist seit zehn Jahren oder mehr an der OSO, hat also zumindest toleriert, dass eine Aufarbeitung verhindert wurde.
Zuletzt sorgte der bisherige Leiter der Schulkonferenz, Reimund Bommes, für einen Skandal im Skandal, als er Inhalte einer als vertraulich gekennzeichneten Email, die ein Missbrauchsopfer an die OSO-Leitung geschrieben hatte, ausgerechnet an den beschuldigten, inzwischen pensionierten Lehrer weiterleitete. Inzwischen, nach tagelangem Zögern, hat Bommes seine Ämter niedergelegt.
Nicht nur wegen dieses Falls blieb Amelie Frieds Forderung nach der Debatte kaum weniger aktuell als vorher: "Die Odenwaldschule ist in der Bringschuld, ihr Fortbestehen zu begründen."