Eine Gruppe von Altschülern der Odenwaldschule (OSO) bezichtigt den Vorstand des OSO-Trägervereins, am "System Becker" festzuhalten, und hat bis auf weiteres den Kontakt zu den Verantwortlichen abgebrochen. Der Frankfurter Rundschau liegt ein Schreiben von drei ehemaligen Schülern an alle OSO-Gremien vor, in dem es heißt: "Unserer Auffassung nach ist es notwendig, sich von den Personen zu trennen, welche das System Becker aufrechterhalten haben." Dass der Vorstand der Unesco-Modellschule in Ober-Hambach nicht zurückgetreten sei, "ist ein Skandal".
Die Kritik der drei Missbrauchsopfer zielt vor allem auf Mitglieder des Vorstands und des Trägervereins ab, die 1999 - als die Vorwürfe gegen den ehemaligen Schulleiter Gerold Becker erstmals publik wurden - bereits im Amt waren. Im siebenköpfigen Vorstand trifft das auf drei Personen zu: die heutige Vorsitzende Sabine Richter-Ellermann, den OSO-Geschäftsführer Meto Salijevic und Benita Daublebsky. Im Trägerverein, aus dem sich der Vorstand rekrutiert, sitzen zudem bis heute der ehemalige Vorsitzende Hermann Freudenberg und dessen früherer Stellvertreter, der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi.
Die Altschüler werfen dem Vorstand vor, 1999 keine schonungslose Aufklärung des jahrelangen sexuellen Missbrauchs an der OSO betrieben zu haben. Ganz offensichtlich fehle "der Wille zur strukturellen und personellen Erneuerung", schreiben die Altschüler, die seit Jahren mit der Schule in Kontakt standen. Nun aber sähen sie sich nicht länger in der Lage, "mit den Vertretern des Tätersystems zu kommunizieren".
Nach FR-Informationen ist es in der Tat fraglich, ob der Missbrauchskandal an der OSO personelle Konsequenzen haben wird. In der von Geschäftsführer Salijevic verschickten Einladung für das Krisentreffen des Trägervereins am 27. März ist von einer möglichen Neuwahl des Vorstands keine Rede. Einziger Tagesordnungspunkt ist eine "Information und Aussprache über das Thema sexueller Missbrauch". Der Einladung liegt ein Schreiben der Vorsitzenden Richter-Ellermann bei, in dem es heißt, der Vorstand werde seine Aufgabe "weiterhin mit Verantwortungsgefühl" ausüben. "Gerade in dieser schwierigen Zeit", so Richter-Ellermann, "ist Stabilität für die Schule wichtig." Noch vor wenigen Tagen hatten Vorstandsmitglieder Neuwahlen in Aussicht gestellt.
Schulleiterin Margarita Kaufmann, die dem Vorstand angehört und bereits vergangenen Montag dessen kompletten Rückzug befürwortet hatte, reagierte mit Unverständnis. "Ich bleibe bei meiner Haltung", sagte Kaufmann der FR. "Ich gehe davon aus, dass der Rücktritt des Vorstands auf der Sitzung offensiv angesprochen wird." Das wisse sie von aufklärungswilligen Mitgliedern des Trägervereins. In der Krisensitzung Ende März bahnt sich somit ein Machtkampf an, dessen Ausgang völlig offen ist, da im Trägerverein weitere Personen sitzen, die direkte oder indirekte Verbindungen zu Gerold Becker haben.
Das wahre Ausmaß des Missbrauchskandals an der Integrierten Gesamtschule ist unterdessen noch immer nicht abschätzbar. Auch in den vergangenen Tagen hätten sich weitere Altschüler mit Missbrauchsvorwürfen gemeldet, erklärte Kaufmann. Genaue Zahlen könne sie noch nicht nennen, "aber auf jeden Fall gibt es wohl mehr Täter als die bislang genannten acht Lehrer". Das Ganze sei "wie eine Flut - das ist unglaublich".
Ein Sprecher des Hessischen Kultusministerium sagte der FR, die jüngst eingesetzte Sonder-Arbeitsgruppe habe die Überprüfung der Vorgänge an der OSO von 1999 noch nicht abgeschlossen. Ein erster Bericht werde am Donnerstag im Schulausschuss des Landtages erstattet. Die Sitzung ist öffentlich.