Augsburg. Der Taxifahrer hält vor dem Mariendom und sagt, es sei schön, dass die Sonne doch noch scheine. Auch wenn die Dinge in Augsburg etwas betrübt seien, hier am Dom. Vielleicht, sagt er, schreiben sie trotzdem was schönes, der Dom, der sei ja schön.
Es ist Karfreitag. Nachmittag. In einer halben Stunde beginnt im Augsburger Mariendom die Liturgie traditionell unter Anwesenheit des Augsburger Bischofs Walter Mixa. Es ist die dritte österliche Feier, an der der Würdenträger im Dom zugegen ist. Er steht dieses Mal mehr im Mittelpunkt als sonst, auch wenn er selbst nicht predigt. Er sitz links vom Altar im Chorgestühl, den Kopf unter der Mitra gesenkt.
Dem Augsburger Bischof wird körperlich Züchtigung von ehemaligen Heimkindern des Waisenhauses St. Josef in Schrobenhausen vorgeworfen. Mixa war dort von 1975 bis 1996 Stadtpfarrer. Am Mittwoch vergangener Woche berichtete die Süddeutsche Zeitung von den körperlichen Übergriffen des Geistlichen, fünf eidesstattliche Erklärungen ehemaliger Heinkinder lagen der Zeitung zu diesem Zeitpunkt vor.
Vor der Kirche rennt eine Reporterteam mit Kamera und Mikrophon einer Gruppe Nonnen hinterher, ein weiterer Fernsehjournalist filmt die Menschen, die den Hügel hinauf zur Kirche gehen. Mit welchen Erwartungen, mit welchem Gefühl gehen die Augsburger an diesem Osterfeiertag in die Kirche? Sie sind zwiespältig.
Ja, sagt eine Frau um die 50, sie wünsche sich, dass sich Mixa selbst äußert. "Ich erwarte es schon, er steht doch im Zentrum." Eine andere Frau, die selbst in der Kirche tätig ist: "Uns predigen sie ja immer, dass wir nicht lügen sollen. Wenn er jetzt etwas zugeben würde, dann würde er zugeben, dass er gelogen hat." Eine andere Zeit sei das damals gewesen, schlimm, sagt eine der Frauen in eine Fernsehkamera, schlimm, aber dabei gewesen sei sie nicht.
Die Opfer, die Gläubigen: Sie erwarten Antworten vom Bischof und ihrer Kirche. Als Mixa am Mittwoch die Chrisammesse zelebriert und die Heiligen Öle weiht, ist die Pressestelle des Bistums Augsburg gerade damit beschäftigt, das Dementi zu verbreiten und mit rechtlichen Schritten zu drohen: Bischof Mixa habe zu keinem Zeitpunkt und in keiner Funktion Kinder oder Jugendliche misshandelt, hieß es in der Stellungnahme, die Vorwürfe seien "absurd, unwahr und offenbar in der Absicht erfunden, den Bischof persönlich zu diffamieren".
Am Gründonnerstag dann äußerste sich Mixa erstmals selbst zu den Vorwürfen. Er sei "zutiefst erschüttert" über die Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben werden und versicherte abermals, dass er niemals Gewalt angewendet habe. Er sei bereit, mit den ehemaligen Heimkindern zu sprechen - "über ihre Erinnerungen, Erlebnisse und Vorwürfe zu sprechen, um zuzuhören und zu erfahren, was sie in ihrer Kindheit belastet hat."
Doch die Opfer, die auf eine Entschuldigung hofften, zeigten sich "fassungslos" und "schockiert". Sie wiesen das Gesprächsangebot als "verlogen" zurück. Eine der Frauen sagte, sie rede mit niemandem, der sie als Lügnerin bezeichne. Am selben Tag ging die sechste eidesstattliche Erklärung eines Opfers bei der SZ ein.
Aber auch bei der Abendmahlsfeier, die Mixa am Gründonnerstag nur wenige Stunden nach seiner Stellungnahme abhielt, verlor der Bischof kein Wort, sondern betonte stattdessen die Bedeutung der Fürsorge und Nächstenliebe. Er geißelte, wie bereits am Palmsonntag, Herrschsucht und autoritäres Gebaren.
Im Zusammenhang mit den Vorwürfen an Mixa und dem Missbrauchsskandal, der die Kirche ausgerechnet zur Osterzeit in eine tief Krise stürzt, bekommen solche Worte ein anderes Gewicht. Sie markieren die Fallhöhe, die ursprüngliche Botschaft von Verzeihen, Nächstenliebe, Barmherzigkeit - sie wirken in diesem Zusammenhang zynisch und verstörend.
Jedes Wort eignet sich auch am Karfreitag für die Wagschale, als Weihbischof Jürgen Grünwald sich in Augsburg in seiner Predigt auf das "Ecce homo" konzentriert, auf den geschundenen und misshandelten Leib Jesu. Er spricht vom Gehorsam im Leid, von der Prüfung durch Gott - und auch vom Mitgefühl.
Christus, sagt Grünwald, identifiziere sich heute mit den Opfern sexuellen Missbrauchs, mit den Kindern und Jugendlichen, denen Gewalt angetan wurde. "Ihnen allen weist sich der Gottesknecht unzertrennlich nahe, er leidet mit ihnen." Die Rede ist von einem großen Mea Culpa "mit Schamesröte im Gesicht" - gerichtet war diese Botschaft an die Menschheit allgemein. Und trotzdem fragt man sich, wer der Adressat ist, wenn Grünwald sagt: "Sühne verlangt Eingeständnis von Unrecht und Schuld, so fordern es Menschen von Menschen. So fordert es erst recht Gott."
Den Empfehlungen der Bischofskonferenz erstmals in den Fürbitten das Thema Missbrauch aufzugreifen, ist Grünwald entsprechend gefolgt und betete "für die Kinder und Jugendlichen, denen inmitten des Volkes Gottes, in der Gemeinschaft der Kirche, großes Unrecht angetan wurde, die missbraucht und an Leib und Seele verletzt wurden". Dem Textvorschlag des Trierer Bischofs Ackermann fügte man in Augsburg noch ein Gebet für die Schuldigen an. Verzeihen und Mitgefühl, mahnte der Weihbischof zuvor, sei die erste Pflicht der Christen.