Herr Bischof, auf einer Skala von 1 bis 10: Wo sehen Sie die deutsche katholische Kirche bei der Bewältigung des Missbrauchsskandals?
Etwas über der Hälfte, bei 6, würde ich sagen. Seit ich zum Missbrauchsbeauftragten der Bischöfe bestellt wurde, ist noch kein Jahr vergangen. In dieser kurzen Zeit haben wir die Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs überarbeitet, wir haben eine Präventionsordnung erlassen, wir haben – als einzige – ein Modell für die materielle Anerkennung des erlittenen Unrechts, umgangssprachlich „Entschädigung“, vorgelegt.
Was fehlt dann bis zur Stufe 10?
Immer noch sind einzelne Fälle nicht befriedigend aufgearbeitet. Wir müssen das, was wir zur verbesserten Prävention zu Papier gebracht haben, jetzt auch konsequent umsetzen. Das braucht eine gewisse Zeit. Und wir werden die Ursachen sexuellen Missbrauchs von Kriminologen und forensischen Psychiatern wissenschaftlich erforschen lassen. Von alledem hängt viel für unsere Glaubwürdigkeit ab.
Sie sprechen von allerhand Aktivitäten und Maßnahmen. Was aber ist mit der Tiefenbohrung in die kirchliche Stimmungslage? Nicht wenige Bischöfe sagen, nach all der medialen Hysterie um das Thema Missbrauch müsse jetzt endlich mal wieder Ruhe einkehren.
Niemand von uns Bischöfen will es sich bequem machen, und keiner von uns Bischöfen spricht von einer „Kampagne“ in dem Sinn, als ob wir ohne jeden Grund in die Kritik geraten wären. Der Ruf nach etwas mehr Ruhe drückt – so glaube ich – eher eine Verletztheit aus über bestimmte Formen der Berichterstattung. Zur umfassenden Aufarbeitung gehört der Blick in die jüngere Kirchengeschichte: Wir müssen uns dem Thema Gewalt insgesamt stellen. Dass sexuelle Gewalt und andere Gewalt in der öffentlichen Debatte oftmals intuitiv zusammengebracht worden sind, zeigt mir: Das Zusammenleben in Kirche und Gesellschaft war auf unheilvolle Weise von Formen der Gewalt durchzogen – viel mehr, als das heute der Fall ist.
Wie ist der Stand bei der Telefon-Hotline für Missbrauchsopfer?
Unsere Beraterinnen und Berater haben seit Einrichtung der Hotline in der Karwoche 2010 bis Ende vergangener Woche 4500 Beratungsgespräche geführt, im Durchschnitt sind es heute noch 80 bis 90 Gespräche pro Woche.
Melden sich noch neue Opfer?
Für das Bistum Trier kann ich sagen, ja, das kommt vereinzelt immer noch vor. Allerdings geht es da nicht um aktuelle Vergehen, sondern um länger zurück liegende Vorkommnisse, meist um ein – im weiteren Sinne - übergriffiges Verhalten von Priestern.
Stephan Ackermann, geb. 1963, ist seit 2009 Bischof von Trier.
Der in Rom ausgebildete Theologe war zuvor viele Jahre in der Priesterausbildung tätig. Nach dem Bekanntwerden zahlreicher Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche bestimmte die Deutsche Bischofskonferenz Ackermann zu ihrem Missbrauchsbeauftragten. Schon einen Monat später stellte er eine bundesweite Hotline für Missbrauchsopfer vor.
Im FR-Interview sieht er die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals als längt noch nicht abgeschlossen an.
Heißt das als Faustregel für 2011: Wer missbraucht worden ist, der hat sich inzwischen gemeldet?
Damit wäre ich sehr vorsichtig. Es kann gut sein, dass es Opfer gibt, die immer noch nicht den Mut hatten, sich zu offenbaren. Darum müssen wir uns in der Kirche die Sensibilität für das Thema bewahren, die wir uns inzwischen angeeignet haben. Die Opfer sollen die Gewissheit haben, dass sie in der Kirche auch künftig ein offenes Ohr finden.
Welche Bedeutung hat für Sie der Runde Tisch zum Thema Missbrauch in Berlin?
Ich habe – mit einer Ausnahme – bisher an allen Sitzungen teilgenommen. Der Runde Tisch ist ein wichtiges Element sowohl in der Aufarbeitung als auch in der Prävention. Und auch bei der materiellen Anerkennung ist es das Ziel, eine Lösung im Verbund mit anderen Institutionen zu erreichen.
An die Sie selbst nach eigenem Bekunden gar nicht mehr glauben.
Es wird schwierig. Das stimmt. Wir wollen uns aber nicht vorwerfen lassen, wir versteckten uns hinter dem Runden Tisch. Deshalb haben wir Bischöfe in Absprache mit den Ordensoberen unser Vorgehen festgelegt. Das werden wir in der ersten Märzhälfte verbindlich präsentieren, wollen das zuvor aber noch einmal mit einer Arbeitsgruppe des Runden Tischs absprechen.
Verbindlich heißt: beziffert?
Selbstverständlich. Die Summen sind beschlossen und in unser Modell eingetragen. Es geht jetzt noch um die genauen Modalitäten.
Und um welche Summen?
Die Summen werden wir im März nennen, wenn wir unser weiteres Vorgehen insgesamt vorstellen werden.
Der Jesuiten-Orden hat einen Betrag von 5000 Euro für jedes Opfer aufgerufen. Der Runde Tisch „Heimkinder“ hat sich auf einen Fonds von 120 Millionen Euro verständigt. Das sind im Durchschnitt bis zu 4000 Euro pro Opfer. Bewegen Sie sich in diesem Korridor?
Damit sind Orientierungen gegeben. Darüber hinaus sage ich heute nur: Eine Fondslösung wie bei der Heimkinderthematik schwebt uns nicht vor.
Diese „Orientierung“ liegt weit unter dem, was viele Opfer erwarten. Jesuitenpater Klaus Mertes hat einmal gesagt, eine Entschädigung müsse schmerzhaft sein für denjenigen, der sie leistet. Tun ein paar tausend Euro pro Opfer der Kirche weh?
Zunächst einmal: Ich kann der Logik „je schmerzhafter die Zahlungen für die Kirche sind, umso verdienstvoller ist es für die Kirche“ nicht folgen. Denn ich frage mich: Wen schmerzen denn die Zahlungen, die die Institution Kirche leistet, wenn sie sozusagen für die Täter einspringt? Am Ende doch nicht den Täter oder auch nicht den Bischof, sondern die kirchliche Gemeinschaft. Selbst wenn das Geld nicht aus Kirchensteuermitteln kommt, wird es doch aus kirchlichem Vermögen genommen und fehlt damit an anderer Stelle. Insofern gilt es zu schauen: In welcher Höhe ist eine Zahlung verantwortungsvoll?
Die Opfer werden diese Frage so nicht stellen.
Natürlich habe ich Verständnis dafür, wenn sie sich Zahlungen in anderer Größenerwartung erwarten, weil sie das ihnen zugefügte Leid in eine unmittelbare Verbindung zur Höhe des Betrags setzen. Es gibt aber keine finanzielle „Entschädigung“, die dem Leid der Opfer gerecht würde. Es kann sich – unabhängig von der Höhe der Summe – immer nur um eine Geste der Anerkennung des erlittenen Unrechts handeln.