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Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

08. November 2013

Disziplinarhof der Evangelischen Kirche: Streit über Kirchen-Urteil

 Von 
Die Christuskirche in Hof. Hier war der Pfarrer in den 60er Jahren tätig.  Foto: Privat

Ein Oberkirchenrat soll Frauen sexuell missbraucht haben, was er bestreitet. Der Disziplinarhof der Evangelischen Kirche (EKD) kassierte ein Disziplinarurteil gegen ihn. Einer der EKD-Richter ist aus der Politik bekannt: Hessens CDU-Fraktionschef Christean Wagner.

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Ein Oberkirchenrat soll Frauen sexuell missbraucht haben, was er bestreitet. Der Disziplinarhof der Evangelischen Kirche (EKD) kassierte ein Disziplinarurteil gegen ihn. Einer der EKD-Richter ist aus der Politik bekannt: Hessens CDU-Fraktionschef Christean Wagner.

Die Jahnstraße in der fränkischen Stadt Hof, in der der Justizpalast seinen Sitz hat, ist für Ursula W. nicht irgendein Ort. Es ist die Straße, in der sie der Pfarrer ins Auto einsteigen ließ, bevor er mit ihr losfuhr in den Wald. Ursula W., damals 13-jährige Konfirmandin und heute eine erwachsene Frau, spricht von sexuellem Missbrauch. Oder, genauer, vom „Raub einer Kinderseele“. Die bayerische Landeskirche hält ihre Aussage für glaubhaft.

Der beschuldigte Kirchenmann, Oberkirchenrat Karl H., wehrt sich. „Die Vorwürfe treffen meines Erachtens nicht zu“, sagt der 90-Jährige mit klarer Stimme am Telefon. Es stimme zwar, dass er die Konfirmandin im Auto mitgenommen habe. Er habe sich aber lediglich über ihre schwierige Familiensituation mit ihr unterhalten, berichtet der Kirchenmann. „Das ist vollkommen falsch“, widerspricht Ursula W. „Er hat kein einziges Mal mit mir darüber geredet.“

In der Jahnstraße, genau an diesem Ort, trifft Ursula W. fast 50 Jahre später den Mann wieder, der für sie zum „Ungeheuer meines Lebens“ geworden ist. Schon vor der Verhandlung sieht sie sich auf dem Gang mit Karl H. konfrontiert. „Das war krass“, erinnert sie sich. „Genau die Stimme vom Wald.“ Auch die räumliche Situation drückt auf ihre Stimmung: Das Verfahren, an dem der pensionierte Oberkirchenrat trotz seines Alters teilnehmen kann, wird an diesem Tag ausgerechnet in einen Kellerraum des Justizzentrums in der Jahnstraße ausgelagert.

Strafrechtlich sind die Vorwürfe längst verjährt, die das ganze Leben von Ursula W. überschattet haben. Umso mehr bedeutet ihr die Aufarbeitung der Kirchengerichte. Denn disziplinarisch können Pfarrer noch nach Jahrzehnten belangt werden. Der Fall zeigt, wie schwer sich die evangelische Kirche damit nach so langer Zeit tut. In der ersten Instanz spricht das Disziplinargericht der Bayerischen Landeskirche im Jahr 2011 ein Urteil gegen Karl H. Das Gericht entscheidet darauf, ihn aus seinem Dienst zu entlassen, was gleichbedeutend ist mit dem Verlust seiner Pensionszahlungen.
In der zweiten und letzten Instanz, dem Disziplinarhof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), treffen die Richter eine andere Entscheidung. Das Verfahren wird eingestellt mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand, das hohe Alter und die „besonderen Umstände“ des Falles. Karl H. bleibt damit ein ehrenwertes Mitglied der Kirche. Zum Entsetzen von Ursula W.

Beide Urteile treffen auf harte Kritik – und haben eine ungewöhnlich scharfe innerkirchliche Diskussion ausgelöst. Der EKD-Disziplinarhof nahm das erste Verfahren auseinander, in dem er eine Reihe von Verfahrensfehlern sah. Er bemängelt vor allem die Tatsache, dass der Beschuldigte nicht gehört wurde, weil er wegen eines Attests als verhandlungsunfähig galt.

Ungewöhnlich scharfe Diskussion

Es sei essentiell für ein faires Verfahren, den Angeschuldigten anzuhören, schrieben die Richter. Das bayerische Kirchengericht hätte zumindest ein medizinisches Gutachten einholen müssen, befand die höhere Instanz. Sie sah zudem weitere Mängel, weil etwa Zeuginnen nicht darüber belehrt worden seien, dass sie die Aussage verweigern dürften.

Nicht weniger scharf rüffelt die Bayerische Landeskirche ihrerseits die Entscheidung der EKD-Richter, die nun Gültigkeit besitzt. Zum einen zeigt sich Sprecher Johannes Minkus verwundert, dass der Disziplinarhof dem mutmaßlichen Opfer nicht das Wort gab, bevor er entschied, dass eine Verurteilung von Karl H. nicht verhältnismäßig wäre. Zudem macht er grundlegende Einwände geltend.

„In den Ausführungen des Disziplinarhofes dominieren die Interessen des Täters“, heißt es in einer Stellungnahme der Landeskirche. Die Situation der „schwer traumatisierten Opfer“ bleibe ebenso außer Acht wie das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Kirche. EKD-Sprecher Reinhard Mawick weist solche Vorwürfe zurück. „Sexualisierte Gewalt durch Mitarbeitende darf nicht passieren. Kommt es aber trotz klarer Regeln und Standards dazu, soll konsequent dagegen vorgegangen werden.“ Die Evangelische Kirche tue alles, „um die Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch in evangelischen Einrichtungen zu intensivieren“.

Im Justizpalast der fränkischen Stadt Hof sieht Ursula W. an jenem Februar-Tag des Jahres 2013 erstmals einen Mann, dessen Verhalten sie als „unangemessen und einschüchternd“ empfindet, als sie nach Ende der Verhandlung den Saal betreten kann. Seinen Namen kennt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist einer der drei Richter in dem Disziplinarhof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christean Wagner.

Ein Jahr lang missbraucht

Der Kirchenrichter wirkt in seinem Hauptberuf als Politiker. Seit Jahrzehnten hat er wichtige Ämter ausgefüllt, als Umweltstaatssekretär in der Bundesregierung, als hessischer Kultusminister und Justizminister. Seit 2005 steht der heute 70-Jährige an der Spitze der CDU-Fraktion im hessischen Landtag. Im Januar scheidet er aus dem Parlament aus, da er nicht mehr angetreten war. Derzeit sitzt Wagner mit am Tisch, wenn Hessens CDU über mögliche Koalitionen verhandelt.

Wenn es um moralische Fragen geht, ist Christean Wagner selten um eine klare, konservative Position verlegen. Selbstverständlich beteiligte sich Wagner auch daran, die Grünen in diesem Wahlkampf-Sommer daran zu erinnern, dass in den 80er Jahren Pädokriminelle bei ihnen Einfluss genommen hatten. „Sex mit Kindern wurde von Teilen der Partei als salonfähig erachtet“, wirft der Christdemokrat der parteipolitischen Konkurrenz vor.

Wagner gehört nun zu dem dreiköpfigen Richtergremium, dessen Urteil aus Sicht der Bayerischen Landeskirche in unguter Weise über den Einzelfall hinausweist. Es stelle „einen schweren Rückschlag für die Bemühungen der evangelischen Landeskirchen“ dar, „sexuellen Missbrauch durch kirchliche Amtsträger konsequent zu ahnden“, zeigt sich die Kirche in Bayern überzeugt. „Diese Befürchtungen teilen wir nicht“, antwortet die EKD auf Nachfrage.

Der Kirchensprecher bestätigt, dass Politiker Wagner dem Gremium angehört hat. Ungewiss bleibt aber, ob der Christdemokrat dem Votum zugestimmt hat. Der dreiköpfige Disziplinarhof entscheidet mit Mehrheit. Christean Wagner will sich auf Anfrage der FR nicht zu dem Verfahren äußern. Er verweist an die EKD in Hannover, die aber über die vertraulichen Beratungen auch nichts öffentlich macht.

Ursula W. ist eine zarte, zerbrechlich wirkende Frau. Wie so häufig bei Vorwürfen sexueller Übergriffe hatte sie jahrzehntelang nicht den Schritt gewagt, sich an die Justiz zu wenden. Ursula W. berichtet davon, wie sie gelitten habe. Schon als Jugendliche magerte sie ab. Die Haare fielen ihr aus, der ganze Verdauungstrakt war kaputt. Ihre Menstruation blieb aus. Jahrelang konnte sie es nicht ertragen, „wenn Hände nach mir langen“. Auch, als sie ihren späteren Ehemann Alfred kennenlernte, blieb „der ganze sexuelle Bereich entsetzlich besetzt“.

Es braucht Jahre und Jahrzehnte, bis das Leben von Ursula W. wieder ins Lot kommt. Mit dem Urteil der Landeskirchen-Richter, die Karl H. schassen, findet ihre gepeinigte Seele zur Ruhe. Als H. ins Berufungsverfahren geht, hätten sich „die Symptome wieder eingestellt“, erzählt die Betroffene.

Pfarrer H. hatte längst Karriere gemacht. Keine zehn Jahre nachdem er Ursula W. konfirmiert hat, wird der Mann als Abteilungsleiter für Bildung und Medien ins Bayerische Landeskirchenamt beordert. 1988 schickt die Kirche Karl H. mit 65 Jahren als honorigen Oberkirchenrat in den Ruhestand. Zum Abschied setzt sich der scheidende Kirchenmann mit hehren Worten für „das Recht des Individuums“ ein, das von niemandem „angetastet“ werden dürfe. Ursula W. dreht es den Magen um, wenn sie solche Sätze liest.

Erst im Jahr 2010 geht sie in die Offensive und zeigt die Taten aus den Jahren 1964 und 1965 an. Ein Jahr lang sei der Pfarrer mit dem damals 13-jährigen Mädchen regelmäßig in den Wald gefahren. Sie habe einen Rock tragen müssen, er habe ihre Beine über seinen rechten Schenkel gelegt und das sexuell nicht aufgeklärte Mädchen am Geschlecht angefasst. Und er habe sie gezwungen, ihn sexuell zu befriedigen.

Auch bei ihr zu Hause, wenn die arbeitende Mutter und die studierenden Brüder nicht da waren. Zuletzt am 14. Geburtstag des Mädchens. So berichtet es die Frau.

Der pensionierte Oberkirchenrat bestreitet einen Missbrauch und stellt die Vorgänge anders dar. Die Fahrten im Auto hätten „ganz andere Gründe“ gehabt, sagt er. Den Namen der Frau nimmt Karl H. nicht in den Mund. „Die hat mich gebeten, ich solle mich um ihren Vater kümmern“, erzählt er. „Ihre Mutter sollte nichts davon erfahren.“ Deshalb sei dem Mädchen und ihm nichts anderes übrig geblieben, „als dass wir hinausfahren“.

Das sei „eine einzige Lüge“, erwidert Ursula W. Zwar bestätigt sie, den Pfarrer um Hilfe gebeten zu haben, um den Vater wieder zur getrennt lebenden Mutter zurückzuholen. Darum habe sich Karl H. aber überhaupt nicht gekümmert, behauptet sie. Ihm sei es nur um seine sexuelle Befriedigung gegangen. Am Ende sei sie vollkommen verstört gewesen, als sie auch noch ihre Beichte vor der Konfirmation bei diesem Mann habe ablegen müssen.

Ursula W. ist nicht die einzige, die davon berichtet, von Karl H. sexuell missbraucht worden zu sein. Auch seine frühere Sekretärin Hilde S. (Name geändert, Red.) schildert, wie sie sich vor dem Mann geekelt hat, der seine Macht missbraucht habe. Sie sei 24 Jahre alt gewesen, als sie 1975 in seinem Sekretariat angefangen habe. Fast täglich habe der Kirchenmann sie in der Mittagspause in sein Zimmer geholt und ein Schild „Bitte nicht stören“ an die Tür gehängt. Kaffee und Plätzchen hätten auf dem Tisch gestanden. „Ich musste mich zu ihm setzen und ihn sexuell befriedigen“, berichtet die Betroffene fast 40 Jahre später.

In dem Disziplinarverfahren geht es auch um diese Vorwürfe gegen Karl H., der neben Hilde S. auch deren Nachfolgerin sexuell behelligt haben soll. Der Beschuldigte bestreitet das und spricht von einvernehmlichem Kontakt.

Langes Warten auf Verfahren

Die bayerischen Disziplinarrichter glauben den Frauen. In seiner Abwesenheit erkennen die Richter der Landeskirche dem pensionierten Oberkirchenrat im Februar 2011 alle Rechte aus seinem Kirchenamt ab, einschließlich der gesamten Versorgungsansprüche. Für die Betroffenen bedeutet das eine späte Genugtuung. Sekretärin S. etwa hatte sich nach ihrer Darstellung bereits 1976 an ihre Kirche gewandt – und zwar an Landesbischof Johannes Hanselmann. Doch Karl H. habe sie einfach weiter sexuell missbraucht, berichtet die Betroffene. „Da wusste ich: Der Bischof hat nicht mit ihm geredet.“
Erst viel später nimmt sich ein Bischof der Frau an. Johannes Friedrich, der Nach-Nachfolger von Hanselmann auf dem Stuhl des bayerischen Landesbischofs, begleitet Hilde S. sogar als Zeugenbeistand in die Verhandlung vor der Disziplinarkammer in Bayern. Ohne diesen Beistand wäre die Frau gar nicht bereit gewesen auszusagen, betont die bayerische Landeskirche. Darin sehen die EKD-Richter später einen Verfahrensfehler – weil Bischof Friedrich auch als Mitglied des Landeskirchenrates an der Einleitung des Disziplinarverfahrens mitgewirkt habe. Aus diesem und anderen Gründen hat Karl H. Erfolg, als er vor den Disziplinarhof der EKD zieht. Der Beschluss liest sich für den Laien stellenweise wunderlich, wenn etwa an einer Stelle in ungewollter Doppeldeutigkeit die Aufgaben eines Pfarrers mit den Worten beschrieben werden: „Auch seine Pflichten als Glied der Kirche hat er gewissenhaft zu erfüllen.“

Doch wirklich brisant sind andere Passagen. Die Entfernung aus dem Dienst sei „vor dem Hintergrund des äußerst fragilen Gesundheitszustandes und des hohen Alters des Angeschuldigten sowie der besonderen Umstände des Falles, vor allem der lang zurückliegenden Tatvorwürfe, als unverhältnismäßig anzusehen“, entscheiden Christean Wagner und seine beiden Kolleginnen zwei Jahre nach dem ersten Urteil. Auch „generalpräventive“ Überlegungen stünden dem nicht im Weg, also die Bemühung, andere potenzielle Täter in der Kirche abzuschrecken. Denn es stehe ohnehin außer Frage, „dass sexuelle Übergriffe durch Inhaber von Kirchenämtern von der Kirche nicht geduldet und von ihr grundsätzlich mit der ultima ratio des Disziplinarrechts geahndet werden könnten“.

Im Zivilrecht hätte das obere Gericht den Fall wohl an eine untere Instanz zurückverwiesen, um ihn nach seinen Maßgaben neu zu entscheiden. Im Disziplinarrecht der Kirche ist eine Zurückverweisung hingegen nicht vorgesehen. Daher fasst der EKD-Disziplinarhof selbst den Beschluss, dass Karl H. seine Rechte behält. Anders als im ersten Verfahren kann der Beschuldigte am zweiten teilnehmen, wenn auch nur eingeschränkt verhandlungsfähig. Und auch Ursula W. ist anwesend und bestens vorbereitet. Doch die EKD-Richter bitten sie nicht hinein. Sie halten es nicht für erforderlich, die Frau zu hören, bevor sie entscheiden.

Hier setzt die nächste innerkirchliche Diskussion an. Wenn der Disziplinarhof schon Verfahrensmängel im ersten Verfahren behaupte, dann hätte er „schlicht das Gerichtsverfahren in seinem Sinne korrekt durchführen können, inklusive erneuter Zeugenanhörung“, sagt der Sprecher der Bayerischen Landeskirche, Johannes Minkus, der Frankfurter Rundschau. Dem habe sich „das Gericht verweigert“.

Wenn man die EKD fragt, warum es das Kirchengericht nicht für nötig befand, die Zeugin zu hören, erhält man darauf nur eine formale Antwort. Es könne hierzu keine Auskunft erteilt werden, da die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden habe, heißt es von der Kirche. Christean Wagner will sich gar nicht dazu äußern.

In seinem Beschluss stellen die EKD-Richter allerdings fest, dass sie Karl H. ohnehin nicht aus dem Dienst entfernt hätten – selbst dann nicht, wenn sich bei einer eigenen Beweisaufnahme die Vorwürfe bestätigt hätten. Die auszusprechende Disziplinarmaßnahme müsse „in einem angemessenen Verhältnis zur Schwere der Amtspflichtsverletzung stehen und zur Realisierung der mit dem Disziplinarrecht verfolgten Zwecke geeignet und erforderlich sein“, heißt es wörtlich. Mit dem zeitlichen Abstand zur Pflichtverletzung nehme das „Verfolgungsinteresse des Dienstherrn“ ab.
Ohne Ursula W. zu Wort kommen zu lassen, bewertet der Disziplinarhof die Taten, die sie ihrem einstigen Pfarrer vorwirft. Es sei „unverhältnismäßig“, ihn wegen ihrer Anschuldigungen aus dem Dienst zu entfernen, und zwar „wegen der Einwirkungen auf die Person des Angeschuldigten“, heißt es in dem Beschluss. Die EKD spricht von „besonderen Umständen des Verfahrens“, weshalb das Ergebnis nicht auf andere Fälle übertragbar sei.

Richter wollen sich nicht äußern

Auch aus der Sicht von Ursula W. wird das Verfahren von „besonderen Umständen“ geprägt. Für sie gehört der Anruf eines Oberstaatsanwalts im Ruhestand dazu. Der Mann habe sich im Jahr 2011, kurz nach dem ersten Beschluss gegen Karl H., gemeldet als Teils eines „Kreises von alten Herren“, die mit dem Kirchenmann befreundet seien.

Er habe wissen wollen, ob die frühere Konfirmandin dem Oberkirchenrat vergeben könne. Karl H. bestätigt der FR, dass sein Freund „ohne mein Wissen“ bei der Frau angerufen habe. Für Ursula W. stellt sich seitdem die Frage, wer zu diesem „Kreis von alten Herren“ gehört. Hilde S., die lange weiter an einer Schaltstelle der Kirche beschäftigt war, spricht von einem „Klüngel von Oberkirchenräten, die zusammenhalten und alles unter den Tisch kehren“.

Wenige Wochen nach dem bemerkenswerten Anruf meldet sich ein prominenter Kirchenrechtler zu Wort, mit einem Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Friedrich Wilhelm Graf lässt sich unter dem Titel „Das Elend eines kirchlichen Strafrechts“ über ein Kirchenrecht aus, das „rechtsstaatlichen Maßstäben“ nicht genüge. Sein Beispiel, das er ein „Exempel“ nennt: der Spruch der bayerischen Disziplinarrichter, die Karl H. aus dem Dienst entlassen wollten.

Das Verfahren vor dem bayerischen Kirchengericht habe den rechtsstaatlichen Anforderungen nicht genügt, urteilt der Autor. Nach seiner Ansicht war das Gericht „theologisch schlecht beraten, als es ganz genau wissen zu können meinte, dass der Angeklagte wirklich ein Täter und die ,Opferzeuginnen‘ tatsächlich Opfer waren“. Das Kirchenrecht kenne, anders als das Strafrecht, die rechtsstaatlichen Prinzipien von Unschuldsvermutung und Verjährung nicht, beklagt der Jurist. „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, scheint in der bayerischen Landeskirche dieses rechtsstaatliche Instrument zur Wahrung oder Wiederherstellung des Rechtsfriedens (die Verjährung, Red.) nicht einzuschließen“, philosophiert Jurist Graf. Das EKD-Gericht sieht das anscheinend ähnlich.

Für Ursula W. und ihren Ehemann ist nichts verjährt. Das hat Alfred W. den drei Richtern noch zugerufen, an jenem Tag im Justizpalast von Hof, als er und seine Frau nach dem Ende der Verhandlung verärgert in den Sitzungssaal stürmten. „Für Sie ist das ein kurzer Verwaltungsakt gewesen“, wandte er sich an Christean Wagner und seine Kolleginnen. „Meine Frau und ich müssen nun für den Rest unseres noch verbleibenden Lebens mit dieser Bürde zurechtkommen.“ So endete der Gerichtstermin für die Frau, die diesen Freitag als „schwärzesten Tag in meinem Erwachsenenleben“ empfindet.

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