Der Missbrauchsfall im Hofheimer Vincenzhaus weitet sich aus. Inzwischen haben elf ehemalige Heimkinder dem Caritasverband Frankfurt mitgeteilt, sie seien in dem Kinderheim missbraucht oder misshandelt worden. Alle Vorwürfe beträfen die 50er und 60er Jahren, sagte Caritas-Sprecherin Christine Hartmann-Vogel auf FR-Anfrage. Zwei der Opfer hätten sich lediglich anonym gemeldet. Überwiegend Männer hätten die Vorfälle angeprangert, bisher nur eine Frau. Ein Betroffener fordere über einen Anwalt Schadensersatz.
Mitte Januar sei die Caritas als Trägerin des Vincenzhauses erstmals mit den Vorwürfen konfrontiert worden, und zwar durch eine E-Mail des ehemaligen Heimkindes Ralf H. , so Hartmann-Vogel. Der hessische Unternehmer war in den frühen 60er Jahren im Vincenzhaus untergebracht. Anfang März schilderte er der FR detailliert sexuellen Missbrauch und bizarre religiöse Rituale, die er als Zehnjähriger erlebt habe. Daraufhin hatte der Caritasverband eingeräumt, es hätten sich schon drei ehemalige Bewohner der Einrichtung mit ähnlichen Vorwürfen gemeldet. Alle in den vergangenen Wochen, seit bundesweit zahlloses Missbrauchsfälle in Internaten, Schulen und kirchlichen Einrichtungen öffentlich werden.
Hoffen auf weitere Zeugen
Die Trägerin des Vincenzhauses fordert mögliche weitere Opfer auf, sich zu melden. Acht Heimkinder riefen innerhalb einer Woche an oder schrieben. Die Caritas hoffe auf weitere Zeitzeugen, sagte Hartmann-Vogel. "Jeder Bericht macht das Bild runder. Es ist vorstellbar, dass es weit mehr Betroffene gibt, als wir bisher wissen." In den 50er und 60er Jahren durchliefen etwa 400 Kinder das Vincenzhaus.
Darunter ist laut Hartmann-Vogel auch ein Mann, der dieser Tage gegenüber der Caritas betonte, er habe nur gute Erinnerungen an das katholische Kinderheim in Hofheim. "Wir behandeln alle Vorwürfe als Tatsachen", sagt die Caritas-Sprecherin. "Denn für die Betroffenen ist es so gewesen." Doch rund ein halbes Jahrhundert nach den Vorfällen noch "eine objektive Wahrheit" herauszufinden, sei sehr schwierig. Die Erinnerungen der Heimkinder seien lückenhaft, teilweise widersprüchlich. Als Täter würden oft nur vage "ein Erzieher" oder "eine junge Dame" genannt.
Wer die beschuldigten Betreuer sind und ob sie noch leben, versucht die Caritas laut Hartmann-Vogel derzeit zu klären. Sie hat eine Arbeitsgruppe gebildet, um so viel Licht wie möglich in die Vorgänge zu bringen. Das sei jedoch schwierig, da die gesetzliche Aufbewahrungsfrist für Akten über Kinder und Personal längst abgelaufen sei. Bei Umbau und Sanierung des Vincenzhauses vor einigen Jahren seien viel vernichtet worden. Erst etwa ab Mitte der 70er Jahre seien die Unterlagen erhalten. Die Caritas bedauere inzwischen, dass Dokumente weggeworfen wurden, sagt Hartmann-Vogel. "Das werden wir künftig nicht mehr machen."
Noch kein Schuldbekenntnis
Mit der Aufarbeitung der dunklen Seiten des Vincenzhauses steht die Caritas nach eigenen Angaben am Anfang. Ein klares Schuldeingeständnis gibt es noch nicht. Die Stellungnahme des Caritasdirektors Hartmut Fritz ist vorsichtig formuliert: "Die uns bisher vorliegenden Informationen weisen darauf hin, dass es tatsächlich in den 50er und 60er Jahren körperliche Gewalt gegen Heimkinder gab. Es gibt auch Vorwürfe von sexuellen Übergriffen."
Den Opfern bietet der Caritasverband Gespräche an. Ex-Heimkind Ralf H. habe das bisher abgelehnt. Betroffene sind auch eingeladen, das Vincenzhaus zu besuchen. "Im Mittelpunkt müssen die Opfer stehen", sagt die Sprecherin. Sie kündigt an, dass die Geschichte des Heimes wohl neu geschrieben werden müsse. Die Festschrift, 2005 zum 50-Jährigen Bestehen veröffentlicht, wurde von der Internet-Seite gelöscht. Dass darin nur Positives zu lesen war, hatte Ralf H. so aufgebracht, dass er nach Jahrzehnten sein Schweigen brach.