Sein letztes öffentliches Lebenszeichen war ein einseitiger Brief, geschrieben am 18. März 2010, inhaltlich so knapp gehalten wie fast keine seiner Äußerungen in den Jahrzehnten zuvor. Und so schrieb Gerold Becker: "Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter und der Leiter der Odenwaldschule war (1969-1985), durch Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedauere ich zutiefst und bitte sie dafür um Entschuldigung." Viel mehr wollte der 73-Jährige nicht sagen. Und auf mehr darf man nun auch nicht mehr hoffen. Gerold Becker ist tot.
In der Nacht zum Donnerstag starb er in Berlin an den Folgen einer schweren Lungenkrankheit. Der Theologe und Pädagoge Gerold Becker war ein Mann, der zwei Leben lebte. In dem einen war er ein gefeierter Lehrer und Wissenschaftler. Einer, der die hehren Ziele der Reformpädagogik wie kaum ein anderer verkörperte, der seinen Schülern Freund und Ratgeber war, der "menschliche Nähe" postulierte, weil nur so aus jungen Leuten starke Erwachsene werden könnten. In diesem Leben brillierte der eloquente Charismatiker unter anderem als Berater des Hessischen Kultusministeriums, als Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime, als Autor und Elite-Pädagoge auf unzähligen Podien - und lange Jahre als Leiter der Unesco-Modellanstalt Odenwaldschule. Es hätte damit sein Bewenden haben können, hätte Becker nicht noch ein zweites Leben geführt, das lange unentdeckt blieb. Als es aufflog, stellte es alles in den Schatten.
Bereits im November 1999 hatte die Frankfurter Rundschau Becker des hundertfachen Missbrauchs von 12-, 13-, 14-jährigen Schülern bezichtigt. Becker widersprach nicht und tauchte ab. Aber nicht lange, und er kehrte zurück in sein anderes Leben.
Einflussreiche Menschen, dekorierte Pädagogen, Kinderversteher, halfen ihm dabei. Es war, als sei nichts gewesen. Auch Hartmut von Hentig, der große alte Mann der Reformpädagogik, weigerte sich zu glauben, was nicht sein durfte. Noch in diesem Frühjahr pries er seinen Lebensgefährten Becker als größten Pädagogen der Neuzeit. So vergingen noch einmal zehn Jahre, bis Becker endgültig von seiner Vergangenheit eingeholt wurde. Als im März bekanntwurde, dass es an der Odenwaldschule ein "System Becker" gab, mit etlichen Tätern und Dutzenden Missbrauchsopfern, ließ sich nichts mehr verheimlichen. Vom Krankenbett aus sah Becker zu, wie sein öffentliches Leben zu Staub zerfiel - und nur noch das des Sexualtäters blieb.
Seiner Schule, seinen Weggefährten, ja der Reformpädagogik überhaupt hat er damit den denkbar schlechtesten Dienst erwiesen. Eine ganze Erziehungswissenschaft mit ihren vorbildlichen Ideen geriet durch ihn unter Generalverdacht.
Zu den unglaublichen Wendungen dieses Skandals gehört auch, dass Becker ausgerechnet jetzt starb, pünktlich zur 100-Jahr-Feier der Schule. So war Becker am Freitag noch einmal das Gesprächsthema - aber anders, als er es sich zu Lebzeiten gewünscht hätte.