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Ex-Leiter der Odenwaldschule unter Druck: "Hier gab es keine Klärung"

Die Leiterin der Odenwaldschule, Margarita Kaufmann, übergibt der Staatsanwaltschaft Darmstadt Informationen, die ihren Vor-Vorgänger Wolfgang Harder schwer belasten. Von Jörg Schindler

Die Leiterin der Odenwaldschule, Margarita Kaufmann.
Die Leiterin der Odenwaldschule, Margarita Kaufmann.
Foto: ddp

Die Leiterin der Odenwaldschule (OSO), Margarita Kaufmann, hat der Staatsanwaltschaft Darmstadt Informationen übermittelt, die ihren Vor-Vorgänger Wolfgang Harder schwer belasten. Aus dem Material erschließe sich, weshalb sie Harder "aktiven Täterschutz" vorwerfe, sagte Kaufmann der FR. "Ich gehe davon aus, dass die Staatsanwaltschaft auch gegen Harder ermitteln wird."

Dies ist bislang nicht der Fall. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Unesco-Modellschule bezeugt, sie habe Harder bereits 1985 auf mutmaßliche sexuelle Übergriffe des früheren Schulleiters Gerold Becker hingewiesen. Seinerzeit habe ihr ein verstörter Schüler berichtet, er habe die Nacht mit Becker verbracht. Davon habe sie Harder, der im selben Jahr Beckers Nachfolger wurde, informiert. Dieser habe nicht reagiert. Harder bestreitet das.

Der FR liegt eine neunseitige Stellungnahme Harders an das Staatliche Schulamt für den Kreis Bergstraße vor, die er am 20. Dezember 1999 verfasste, drei Tage nachdem die Vorwürfe gegen Becker publik geworden waren. Darin beteuert er, er habe erst Mitte 1998 durch Altschüler von Beckers Übergriffen erfahren. Vorher habe er "von keinem einzigen Menschen" Hinweise erhalten.

Harder bestreitet auch, dass er in einem Telefonat mit einem der Missbrauchsopfer drei Mal gesagt haben soll, er habe um Beckers "Pädophilie" gewusst, aber gedacht, dieser könne "verantwortungsvoll damit umgehen". Er habe immer nur von "Homosexualität" gesprochen. Sein damaliger Gesprächspartner bleibt jedoch dabei: "Es war von Pädophilie die Rede, sonst hätte ich ja nicht zweimal nachgefragt", sagte der Ex-Schüler am Dienstag der FR.

In seinem Schreiben an das Schulamt erläutert Harder - der später Initiator der bundesweit bekannten "Blick über den Zaun"-Schulen wurde -, wie genau die OSO Mitte 1998 auf die Vorwürfe gegen Becker reagierte. Sämtliche Maßnahmen habe er "in ständiger Abstimmung mit allen Mitgliedern des Vorstands" durchgeführt. Aus der Stellungnahme geht hervor, dass vier von damals 19 pädagogischen Mitarbeitern der OSO schon vor 1998 "Gerüchte" über sexuelle Übergriffe Beckers kannten. Diesen wurde offenbar nie nachgegangen.

Ex-Minister verteidigt sich

Zwei Monate nach den ersten Gesprächen mit betroffenen Ex-Schülern fand an der OSO die jährliche Mitarbeitertagung statt. In deren Mittelpunkt, schreibt Harder, habe "nicht mehr das Bemühen (gestanden), im Blick auf die Vergangenheit den Realitätsgehalt der Vorwürfe zu verifizieren ; hier hat es keine weiteren Klärungen oder Erkenntnisfortschritte gegeben."

Das ist erstaunlich: Hatte doch auch Harder "kein überzeugendes Argument gefunden", an den Vorwürfen gegen Becker zu zweifeln. Nach der Mitarbeitertagung vergingen noch einmal 14 Monate, bis der Skandal publik wurde - und mehr als zehn Jahre, bis das ganze Ausmaß sichtbar wurde. Das Hessische Kultusministerium wollte auf Anfrage nicht mitteilen, ob und wie genau das Schulamt auf Harders Stellungnahme reagierte. Dies werde noch geprüft.

Derweil erfuhr die FR, dass Ex-Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) noch 2004 Autor für die pädagogische Zeitschrift "Neue Sammlung" war. Herausgeber waren unter anderen Becker, Harder und Hartmut von Hentig. Für ihn sei es "eine Ehre" gewesen, für das Heft zu schreiben, sagte Holzapfel der FR. An der Verbindung zu Becker, der unter Holzapfel Berater des Ministeriums war, sei nichts merkwürdig. "Es sieht nur merkwürdig aus, wenn Sie die Neue Sammlung auf Becker reduzieren." Holzapfels Aufsatz trug den Titel: "Nicht nichts, sondern das Falsche".

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  17 | 3 | 2010
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