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Gastbeitrag: Auf leisen Sohlen

Ende der sechziger Jahre veränderte sich das gesellschaftliche Klima für Sexualität - mit kontrovers eingeschätzten Folgen. Christa Ritter sieht sich als Täter statt als Opfer.

Die Empörung über den Missbrauch rauscht weiter durch die Medien. Nachdem sich die Opfer endlich äußern konnten und die Täter zunächst unter der Wucht ihrer Anklagen schwiegen oder sich hinter schnellen Schuldbekenntnissen versteckten, könnte es bald so weit sein, dass auch sie über ihre Erfahrungen sprechen. Was aber erinnern nach den Schülern die Lehrer und Patres, wenn sie nicht mehr im Zentrum öffentlicher Empörung stehen?

Ich war ein "Opfer". Ich erinnere mich gut, wie ich damals, trotz der klassischen Doppelmoral meiner Eltern, als vorpubertäres Mädchen erste Erfahrungen von Zärtlichkeit mit Gleichaltrigen machte, mich später auch in manchen Erwachsenen, darunter Lehrer, verliebte.

Das spielte sich Ende der 50er Jahre zu Hause, aber auch in dem Gymnasium ab, das ich besuchte, und hatte durchaus mit Sex zu tun. Meine Freundinnen und ich probierten uns aktiv in körperlicher Nähe aus. Wir Jugendlichen waren sogar meist unverfrorener, also aktiver als die erwachsenen, ihre Sexualität unterdrückenden "Täter".

Ich ahnte, dass die Spielwiesen weiter von zu Hause entfernt noch aufregender würden. Mit 15 bekniete ich meine Eltern, mich in einem Internat anzumelden. Sie suchten sorgfältig - auch die Odenwald-Schule war eine Option -, bis sie mich in einem Schweizer Internat in Neuchâtel anmeldeten.

Dann erreichte sie die fürchterliche Kunde: Dort würden die "Lehrer mit den Schülerinnen, besonders die Sportlehrer" Ich wurde sofort wieder abgemeldet. Das autoritäre Sex-Verbot der Kleinstfamilie hatte sich als behütende Gewalt durchgesetzt. Das war 1957, und gerade hatte ein Skandal Literatur und Öffentlichkeit erschüttert: der Bestseller "Lolita" von Nabokov, in dem ein zwölfjähriges Mädchen einen Erwachsenen verführt und ruiniert.

Zehn Jahre später passierte 68, die Familienstruktur wurde aufgekündigt. Sie habe, so die damalige Analyse, den autoritären Charakter hervorgebracht und Hitler möglich gemacht. Besonders in Deutschland suchten die Kinder der Mördereltern nach neuen Lebensformen. Sie sollten nicht mehr Beziehungen zwischen Opfern und Tätern, sondern auf gleicher Augenhöhe ermöglichen. Das betraf auch die Sexualität.

Vom Virus des "Make love not war" ließen sich selbst in geschlossenen Institutionen Lehrer und Patres infizieren - von diesem wunderbaren Rausch jenes Aufbruchs, der heute so schwer nachzufühlen ist: Die gestürzten Autoritäten würden sich von der neuen, gleichberechtigten Suche nach Liebe anstecken lassen.

Ein Schüler verliebte sich schnell in die freieren Lehrer, die geistige Welten öffneten und eigene Begabungen entdecken ließen. Damals wurde ohne Netz und doppelten Boden viel ausprobiert und sicher mangels Erfahrung in solchen Freiheiten vielen "Gewalt" zugefügt: eigentlich jedoch nur alten, schlechten Gewohnheiten. Unsere Gesellschaft ist seitdem deutlich befreiter. So richtig haben wir das noch nicht wahrgenommen. An den Opfern beginnen wir es zu sehen. Fehlen noch die Täter.

Daher sollten auch Lehrer und Priester davon berichten, wie sie die Schüler wahrnahmen, die sich vom Verbot des Sexuellen zu befreien versuchten, in welche Gewissenskonflikte die Erwachsenen solche Attacken brachten, wie sie mit eigenen Schuldgefühlen umgingen. Dass sich Mädchen in Lehrer verliebten, war schon damals nicht ungewöhnlich. Neu dagegen war, dass solche Gefühle nun ausagiert wurden und schließlich zu einer Liberalisierung führten, die nun auch die Jungen für ihre Gefühle öffnete. Damals begann sich das Männerbild zu wandeln: Jungens dürfen weinen, hieß es. Längst schon hatten sie lange Haare, bunte Klamotten, tanzten ekstatisch.

Oben und Unten zwischen Mann und Frau, Schüler und Lehrer, Boss und Angestellten war für ein revolutionäres Jahr vorbei, die Familie als kleinste Zelle im Staat während dieses Höhenflugs ausgehebelt. Danach konnte nichts mehr so sein wie zuvor: Seitdem übt unsere Gesellschaft freiere Lebensformen und nennt sie Alleinerziehende, Single, sequentielle Monogamie, Lebensabschnittspartner, Patchworkfamilie, Polyamorie. Selbst nach 40 Jahren Experiment ist soviel Befreiung vom Joch der Kleinfamilie noch nicht in unserem Bewusstsein angekommen. In ihr findet doch bis heute 80 Prozent des Missbrauchs statt! Werden wir uns endlich des Hedonismus der 68er bewusster?

Autor:  Christa Ritter
Datum:  24 | 4 | 2010
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