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Gastbeitrag: Blinde Flecken in der Missbrauchs-Debatte

Es geht nicht nur um Kirche und Elite-Internate: Misbrauch an Regelschulen, aber auch anderen pädagogischen Einrichtungen von Sportvereinen bis Jugendfreizeiten ist bisher kaum im Visier. Von Lutz van Dijk

Lutz van Dijk war erst Lehrer in Hamburg, dann Mitarbeiter der Anne Frank Stiftung in Amsterdam. Er ist Mitbegründer der südafrikanischen Stiftung Hokisa, die sich für HIV-infizierte Kinder und Jugendliche einsetzt.
Lutz van Dijk war erst Lehrer in Hamburg, dann Mitarbeiter der Anne Frank Stiftung in Amsterdam. Er ist Mitbegründer der südafrikanischen Stiftung Hokisa, die sich für HIV-infizierte Kinder und Jugendliche einsetzt.

Eine Grundschule in einem "Problem-Stadtteil" im Süden West-Berlins Anfang der 1960er Jahre: Über 40 Mädchen und Jungen, die meisten aus einer nahen Flüchtlingssiedlung. Viele meiner Mitschüler kamen ohne Schuhe auch an kalten Tagen und trugen, vor allem an Montagen, Spuren von familiärer Gewalt und wenig Schlaf im Gesicht.

Unsere Klassenlehrerin war jung und engagiert. Sie tröstete und brachte gebrauchte Kleider mit für die, die auch im Winter in Sommersachen kamen. Ganz anders unser Werk- und Religionslehrer. Verhasst sein Hang zu Quälereien, seelischen wie körperlichen. Er streichelte vor allem Mädchen gern am Hals, manchmal rutschte die Hand tief in den Rücken. Die Mädchen erstarrten, manche kicherten hinterher.

Anders bei den Jungen: Berühmt waren seine Ohrfeigen. Er zog einen am Ohr hoch bis man auf Zehenspitzen stand, dann ließ er los, um dem zusammensackenden Jungen eine schallende Ohrfeige zu geben. Wir empfanden das als gemein, aber nicht als etwas Verbotenes, denn es geschah jede Woche aufs Neue. Das Streicheln der Mädchen, die Ohrfeigen bei den Jungen. Um die Angst und auch die Wut gegenüber Herrn P. zu verbergen, machten wir Witze über ihn. Manchmal erzählten wir uns, schreiend vor Lachen, wie auf seiner Hose ein Fleck war oder wie er einen roten Kopf bekommen hatte, beim Streicheln oder Prügeln.

Dies geschah an einer normalen staatlichen Grundschule. Keiner Eliteschule, weder katholisch noch reformpädagogisch. Eines Tages war Herr P. weg. Seine Nachfolgerin war alt und freundlich, so freundlich, dass ihr keine Disziplin in der Klasse gelang. Wir gingen über Tische und Bänke. Sie hatte auszubaden, was er in uns an Zorn und Verzweiflung aufgebaut hatte.

Ob ihn doch jemand angezeigt hatte? Wohl kaum. Das war damals so. So wie ich sicher bin, dass keiner meiner ehemaligen Mitschüler heute noch eine Klage gegen Herrn P. anstrengen würde, falls er noch lebte. Es gehört zu den blinden Flecken der gegenwärtig geführten Debatte um sexuellen Missbrauch, dass jener an damaligen und heutigen Regelschulen, aber sicher auch anderen pädagogischen Einrichtungen von Sportvereinen bis Jugendfreizeiten, bisher kaum im Visier ist.

Dies beklagen zu Recht auch Organisationen, die sich in den letzten Jahren dem sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen gewidmet haben. So kritisiert zum Beispiel Ursula Enders, Mitbegründerin der Selbsthilfegruppe Zartbitter in Köln, dass "die gegenwärtige Diskussion zu einer weiteren Tabuisierung des großen Ausmaßes von sexueller Ausbeutung in (allen anderen) Institutionen beiträgt."

Viele haben zum Beispiel vergessen, dass die Prügelstrafe an Schulen in der BRD zum Teil bis 1973 galt (in der DDR wurde sie schon 1949 abgeschafft). Womit Deutschland gar nicht mal so schlecht dasteht: In Großbritannien wurde "körperliche Züchtigung" an allen Schulen des Landes erst 1999 verboten. In 21 US-Bundesstaaten ist sie bis heute zulässig und - laut einem Report von "Human Rights Watch" (2006-2007) - gehört sie in 13 Bundesstaaten, vor allem jenen im Süden, zur Normalität. Ein Kind, das Angst hat vor Erwachsenen, wird kaum "Nein" sagen können, geschweige denn sich wehren gegen sexuellen Missbrauch.

Für viele Medien scheint es derzeit immer noch wirkungsvoller zu sein, sich immer neuen Enthüllungen an jenen Schulen zu widmen, auf die Prominente wie Klaus Mann oder Amelie Fried gingen. Und die in direkter Beziehung zu möglichst berühmten Vertretern der katholischen Kirche wie der Reformpädagogik stehen. Es ist gut, dass man dort endlich genauer hinschaut. Aber Missbrauch fand und findet nicht nur dort statt.

Durch das Einschießen auf Prominente und prominente Schulen wird das nach wie vor im Dunkel liegende Ausmaß an Missbrauch in Regelschulen und weiteren pädagogischen Einrichtungen unzulässig verdrängt. Und zum anderen die historische Bedeutung einer vielfältigen Reformpädagogik, die - trotz mancher Irrtümer und zu korrigierender Fehlentwicklungen - doch im Kern angetreten war, um genau diese Ungerechtigkeiten, im besonderen die "normale" Gewalt im allgemeinen Schulsystem, zu bekämpfen.

Wenn sich heute manche Kreise freuen, dass nun selbst erprobte und von Anfang an unter staatlicher Kontrolle befindliche Versuchsschulen wie die von Hartmut von Hentig begründete Laborschule Bielefeld in Frage gestellt werden, dann sind es die gleichen, die in den 1960er Jahren gegen die wichtigen Reformbemühungen des Berliner Schulsenators Carl-Heinz Evers, einen der Väter der Gesamtschulbewegung, antraten oder heute gegen die der Hamburger Schulsenatorin Christa Goetsch, die das längere gemeinsame Lernen durchsetzen möchte.

Es mag auch noch eine andere psychische Struktur des Verdrängens geben, warum nicht nur manche Lehrerinnen und Lehrer an Regelschulen heute eher froh sind, dass dies alles "lange her ist und weit weg": Würde nicht unbewusst jeder leicht selbst in Verdacht geraten, der sich zu sehr mit dem Thema befasst, dass an der eigenen Schule etwas nicht in Ordnung ist? Oder wie es eine Grundschulleiterin aus Niedersachsen formulierte: "Wir haben bei uns erstmal beschlossen, mit unseren Schülern und deren Eltern nicht über sexuellen Missbrauch zu sprechen, um ihnen gerade nicht das Gefühl zu geben, dies könnte auch an unserer Schule passieren."

Das aber genau ist falsch: Achtung vor den Opfern von früher bedeutet auch, alles dafür zu tun, dass es keine neuen Opfer gibt.

Lutz van Dijk war erst Lehrer in Hamburg, dann Mitarbeiter der Anne Frank Stiftung in Amsterdam. Er ist Mitbegründer der südafrikanischen Stiftung Hokisa, die sich für HIV-infizierte Kinder und Jugendliche einsetzt. Sein Textbeitrag ist ein Auszug aus einem Aufsatz, der im September in der Fachzeitschrift Pädagogik erscheint.

Autor:  Lutz van Dijk
Datum:  7 | 4 | 2010
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