Aktuell: Peter Tauber | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

17. September 2011

Gastbeitrag zur Odenwaldschule: Erneut versagt die Schule

 Von Adrian Koerfer
Nur ein Scherz? 1975 errichteten Schüler für wenige Stunden ein „Mahnmal“ in der Odenwaldschule − dem Ort,  an dem viele von ihnen kaum zu beschreibende Schrecken durchlitten.  Foto: Privat

Ein Opfer klagt an: Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kommt die Odenwaldschule nicht voran. Entschädigungen für die Opfer gibt es immer noch nicht.

Drucken per Mail

Ein Opfer klagt an: Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kommt die Odenwaldschule nicht voran. Entschädigungen für die Opfer gibt es immer noch nicht.

Im Jahr 1975 hatte ich, gemeinsam mit einer Handvoll Aktivisten, des Nachts einen etwa fünf Meter langen Baumstamm aus dem nahen Wald hinunter auf den Platz zwischen Waschhaus und Bürohaus der Odenwaldschule (OSO) geschleppt und ihn dort eingepflanzt. Zuvor war der Stamm von einem Mitschüler in liebevoller Feinarbeit geschält und die Spitze des Phallus zu einer Eichel geschnitzt worden. Im frühen Sommer stand das schöne Stück dann für ein paar Stunden vor dem Büro des damaligen Direktors, Gerold Ummo Becker, heute auch bekannt als einer der berüchtigtsten Kinderschänder der westdeutschen Nachkriegszeit, als ein päderastischer Pädagoge, einer von ungefähr fünfzehn pädosexuellen Mitarbeitern der 60er, 70er und 80er Jahre an dem Internat.

Der Autor

Adrian Koerfer ist Vorsitzender des Vereins „Glasbrechen e.V. – Für die Opfer der pädosexuellen Verbrechen an der Odenwaldschule“.

Der Frankfurter Verlagskaufmann ging von 1968 bis 1975 zur Odenwaldschule und wurde dort vom damaligen Schulleiter Gerold Becker missbraucht.
Nachdem die FR den Skandal im März 2010 zum zweiten Mal publik gemacht hatte, war Koerfer einer der ersten Betroffenen, die an die Öffentlichkeit gingen. Seinem Engagement ist es maßgeblich mitzuverdanken, dass die Vertuscher und Mitwisser in der Leitung der OSO ihre Ämter aufgeben mussten.

Im Sommer 2010 saß Koerfer selbst vorübergehend im Schulvorstand. Als dort massive Differenzen über die Frage der Entschädigung von Betroffenen offenbar wurden, schmiss er hin und gründete den Verein Glasbrechen.

Später, nach der Ära Becker, wurde die Zahl der pädosexuellen Verbrechen an der OSO zwar deutlich geringer, gegen null ging sie aber nicht. Und auch Becker trieb sein Unwesen weiter: in seiner Wohnung am Berliner Kurfürstendamm, wo er und sein Freund Hartmut von Hentig zwei miteinander verbundene Etagen bewohnten. Becker, ich kann es bezeugen, hatte sich später bisweilen Schüler aus der OSO „vermitteln“ lassen und „betreute“ diese in Berlin. Er hatte sie an seiner ehemaligen Schule „abgeholt“, und ihnen all das „angedeihen lassen“, was den vielen anderen Schutzbefohlenen zuvor von seiner Hand passiert war. Einige seiner Opfer sind inzwischen tot, andere haben den Schulabschluss nach dem „Leben“ in Berlin nicht mehr geschafft.

Etwa 500 Betroffene und Opfer

Aber es ist eben nicht so, dass die beiden „Haupttäter“ an der Schule, Gerold U. Becker und der Musiklehrer Wolfgang Held, die einzigen Päderasten waren. Der von der Schule in Auftrag gegebene Aufklärungsbericht nennt elf Täter oder gibt diese Zahl von Mitarbeitern zumindest als belastet an. 132 Opfer führt der Bericht auf. Inzwischen haben sich weitere Opfer bei Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann − den Autorinnen dieser Chronologie des Schreckens − gemeldet. Der Opferschutz-Verein Glasbrechen geht von etwa 500 Betroffenen und Opfern des Kindesmissbrauchs an unserer ehemaligen Schule aus. Diese Hochrechnung ergibt sich aus der Zeit, die die Täter an der Schule waren und der Zahl der Schüler, die innert mindestens fünfunddreißig Jahren durch die sogenannten „Familien“ geschleust wurden, um dort ganz eigentlich nicht missbraucht, sondern angeleitet und zum Schulerfolg geführt zu werden, nach dem zu schönen Motto: „Werde der du bist − indem du lernst.“ Das Grauen zu lernen stand nur ungeschrieben auf dem Schulplan, es hat Hunderte von Kinderseelen vernichtet, und andere lebenslang schwer beschädigt.

Bei den Mitgliedern unseres Vereins gehen bis heute neue Meldungen von Opfern ein. Ich weiß von missbrauchten Mitschülern, die sich zwar in Internetforen austauschen, die an ihnen begangenen Untaten aber nicht gemeldet haben. Manche möchten mit ihrer Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Dies gilt zum Beispiel für ein mir bekanntes Opfer, das auf das Schwerste nicht von einem Lehrer, sondern von einem Schul-Mitarbeiter vergewaltigt wurde. Es folgte ein einjähriger Aufenthalt in psychiatrischen Einrichtungen. Danach kam dieser traumatisierte Mensch zurück auf die Schule, zurück in die Täterfamilie! Man hatte während dieses einen Jahres einfach so getan, als sei das Kind in selbst gewählten Ferien. Niemand auf der OSO wunderte sich darüber. Es wurde darüber ganz einfach nicht gesprochen. Der Mantel des Schweigens war dicht gewoben. Es arbeiteten viele, sehr viele Erwachsene an der Herstellung dieser „Bekleidung“, inklusive Schulamt und Kultusministerium − die OSO war ein pädagogischer Leuchtturm des Landes Hessen.

Aktiver Täterschutz

So dachten auch die damaligen Mitglieder des Trägervereins, die Schulleitung und die Mitarbeiter der OSO. Nachdem 1998 ein Brief bei der Schulleitung eingegangen war, mit dem vielsagenden Titel „Und wir sind nicht die Einzigen“, tat sich auf der Schule nach außen immer noch nichts. Selbst als Jörg Schindler 1999 in der Frankfurter Rundschau einen, den einzigen Artikel zum Missbrauch an der OSO veröffentlichte, geschah seitens der Gremien nichts. Im Gegenteil, bei einer Sitzung des Trägervereins, an der auch Peter Conradi aus Stuttgart, Florian Lindemann aus Frankfurt und Schulleiter Wolfgang Harder teilnahmen, wurde ausdrücklich vereinbart, den Skandal erneut in den Mantel des Schweigens zu hüllen − im Bestreben, der Schule und deren Image nicht schaden zu wollen. So wurde 1999 sogar aktiver Täterschutz betrieben − denn einige Taten der pädosexuellen Mitarbeiter waren da noch nicht verjährt.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Genauso, nämlich mittels der Mechanismen des Verschweigens und Vertuschens, ging es weiter. Ich muss bis heute miterleben, wie sich die leitenden Gremien gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, aber für die OSO schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die notwendigen Konsequenzen (Nachteilsausgleich, Entschädigung, finanzielle Hilfen) entschieden haben.

Unsere Bewältigung des Alltags, die Arbeit von Glasbrechen für die Opfer, wird uns seitens der Schule in keiner Weise leichtgemacht. Insbesondere der Trägerverein und sein sich ständig zerkleinernder Vorstand agieren heute wieder so wie ihre Vorgänger. Im März 2010, vor der letzten Sitzung des alten Trägervereins unter der Leitung von Frau Richter-Ellermann (auch sie eine der ewig Uneinsichtigen) schrieb ich an ein Vorstandsmitglied: „Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass der Vorstand seit einem guten Jahrzehnt von den Missbrauchsvorwürfen wusste. Und nichts zur Aufklärung der Vorwürfe beigetragen hat. Bis heute nicht. Im Gegenteil. Seit heute aber liegt eine ,Erklärung‘ Gerold Beckers vor, in welcher er seine Schuld/seine Verbrechen eingesteht. Ich schreibe Dir daher ganz klar (...): Sollte der Vorstand des Trägervereins nicht gesamtschuldnerisch am 27.03.2010 zurücktreten, werde ich prüfen lassen, ob sich nicht auch strafrechtliche Konsequenzen aus der Verdeckung von Straftaten ergeben.“ Der inzwischen leider früh verstorbene Mitschüler Florian Lindemann hatte zum selben Zeitpunkt eine persönliche Erklärung abgegeben, in der er schrieb: „Tatsächlich wurde 1999 eine Chance vertan, den Betroffenen zu zeigen, dass die Schule ernsthaft gewillt war, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen. Stattdessen stand Eigenschutz im Vordergrund. (...) Mit dem Ergebnis: die Opfer wurden vergessen, die Täter wurden verschont.“ So der von mir vorher des Mitwissertums bezichtigte Florian Lindemann.

1 von 2
Nächste Seite »

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige