"Werde, wer du bist." Dieser Satz des griechischen Dichters Pindar (522-445 v. Chr.) inspirierte Paul Geheeb und seine Frau Edith bei der Gründung der Odenwaldschule im Frühling 1910. Sie stand in engem Zusammenhang mit der reformpädagogischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Der Lehrer Geheeb war damals 40 Jahre alt und galt vielen in der Pädagogikszene wegen seines für die damalige Zeit revolutionären Gedankenguts als Sonderling. 1930 schrieb Geheeb in einem Aufsatz zur "Odenwaldschule im Lichte der Erziehungsaufgaben der Gegenwart": "Werde das Selbst, das auf der ganzen Welt nur du, unersetzlich und unvergleichlich, durch kraftvolle Entwicklung der dir innewohnenden Individualität vermagst - dies ist das höchste Erziehungsziel."
So war auch von Beginn an das Konzept seines Landerziehungsheimes in Ober-Hambach ausgerichtet - geprägt vom partnerschaftlichen Umgang zwischen Lehrern und Schülern. Erwachsene sollten niemals als überlegene Gesetzgeber, sondern als ältere Freunde der Kinder und Jugendlichen auftreten. Die übliche Trennung der Geschlechter sowie die Klassenverbände hob Geheeb schon 1910 auf. Schüler unterschiedlichen Alters lernten in Kursen, ihre Neigungen wurden besonders gefördert. In der ,,Schulgemeinde" trafen sich Schüler und Lehrkräfte, um grundsätzliche Fragen der Schule zu diskutieren. Gelebt wurde in altersgemischten Wohngruppen - den sogenannten Familien - mit einem Lehrer als Oberhaupt.
Das nötige Geld erhielt Geheeb von seinem Schwiegervater, dem Berliner Stadtrat Max Cassirer. Schon ein Jahr nach der Gründung wurden an der Odenwaldschule vier neue Häuser gebaut. Die insgesamt fünf Gebäude trugen die Namen berühmter Aufklärer: Goethe, Herder, Fichte, Humboldt und Schiller. Hier sollten die Kinder "sich zu wahrem Menschentum entwickeln, bewahrt vor den Übeln der Zivilisation, von denen die Welt draußen voll ist", formulierte Geheeb.
Zu dieser Haltung mag er, im kleinen thüringischen Ort Geisa geboren, schon im Kindesalter gefunden haben; er war 14 Jahre alt, als seine Mutter starb. Ihren Tod bezeichnete Geheeb später "als die größte Katastrophe (...). Ich war eine Reihe von Jahren danach gemütskrank, so dass man mich heute in ein Psychopathenheim gesteckt haben würde". Geheeb starb 1961, mit 90 Jahren.
Seine Institution im Odenwald entwickelte rasch einen internationalen Ruf als Reformschule. So kam 1924 der Pädagoge Martin Wagenschein nach Ober-Hambach; er widmete sich der Bildung durch Naturwissenschaft, später entwickelte er die Methode des Exemplarischen Lernens. Dass die Nationalsozialisten der Schule Schwierigkeiten machen würden, lag auf der Hand. Geheeb sprach in einer Schulversammlung von einer ,,Verbrecherbande". Während andere Reformschulen geschlossen wurden, beließ man es im Odenwald jedoch zunächst beim Austausch des Lehrpersonals durch Parteigänger, Jungen und Mädchen wurden fortan getrennt voneinander untergebracht. Doch Geheeb wollte weitere Eingriffe nicht zulassen, er schloss die Schule.
Im April 1934 übersiedelte er mit seiner Frau, einigen Mitarbeitern und zwei Dutzend Schülern in die Schweiz, wo Ge-heeb die Ecole d´Humanité eröffnete. Ein Jahr nach Ende des Krieges wurde die Odenwaldschule unter Leitung der Reformpädagogin Minna Specht wiedereröffnet, 1963 erhielt die Schule den Titel Unesco-Projektschule.
Zu den prägenden Figuren in der Schulgeschichte zählt Gerold Becker, der nun im Zentrum des Missbrauchsskandals steht. Becker, ein Anhänger der Reformpädagogik von Hermann Lietz, dem Gründer der deutschen Landerziehungsheime für Jungen, kam 1969 an die Odenwaldschule, drei Jahre später übernahm er bis 1985 deren Leitung. Bei seinen Vorstellungen einer "idealen Schule" - mit herrschaftsfreien Strukturen und selbstverantwortlichem Lernen - wurde Becker maßgeblich beeinflusst von den Ideen seines Lebensgefährten, des Stars der deutschen Pädagogen-Szene Hartmut von Hentig.
"Sich geborgen fühlen und angenommen sein in einer kleinen, starken Gemeinschaft" - das ist das Ziel, wie es Margarita Kaufmann, seit 2007 Leiterin der Odenwaldschule, auf der Internetseite zusammenfasst. Bis heute seien "das Familiensystem" und "die Schulgemeinde () erfolgreiche Besonderheiten".
Die Schule, die vor 100 Jahren als ein Zentrum der reformpädagogischen Bewegung gegründet wurde, muss sich heute vor allem mit den Kapiteln ihrer Geschichte beschäftigen, die solche Worte in ein anderes Licht rücken. Als Leitsatz könnte heute ein Ausspruch ihres Gründers Paul Geheeb dienen: "Mensch sein heißt, ein Kämpfer sein."