Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

12. März 2010

Hartmut von Hentig: Demontage eines Denkmals

 Von Katja Irle
Harmut von Hentig gilt als Ikone der Reformpädagogik. Foto: Archiv

Hartmut von Hentig kann oder will die Sicht der Opfer nicht teilen. Unter den modernen Bildungsreformern gibt es wenige seines Formats. Doch jetzt demontiert sich das Denkmal selbst. Von Katja Irle

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Das Wort Denkmal kommt einem nicht in den Sinn, wenn man den alten Mann vor sich sieht. Das Haar schlohweiß, lebendige Augen in einem schmalen Gesicht. Ein freundlicher Mensch. Hartmut von Hentig, der in diesem Jahr 85 Jahre alt wird, wirkte beim letzten Zusammentreffen vor drei Jahren dünn und zerbrechlich. So als brauche es nicht viel, um so einen vom Sockel zu stoßen. Die eigene Zunft hat ihn dorthin gestellt. Unter den modernen Bildungsreformern gibt es wenige seines Formats. Doch jetzt wankt das Denkmal. Es demontiert sich selbst. Und seine Anhänger schauen sprachlos zu.

Viele hatten auf ein Wort der Klärung gehofft, seitdem sich die Vorwürfe gegen von Hentigs Lebensgefährten Gerold Becker wegen Schülermissbrauchs häufen. Geklärt ist seit Hentigs Aussagen in der Süddeutschen Zeitung vom Freitag jedoch nur, auf welcher Seite der gefeierte Pädagoge steht. Die der Opfer ist es nicht.

Wenn überhaupt, sagte Hentig der SZ, dann könnte mal ein Schüler den Lehrer Becker verführt haben. Seine Loyalität mit dem Ex-Leiter der Odenwaldschule kennt keine Grenzen. Gern hätte man von Hentig selbst zu den Vorfällen befragt, doch er sagt wenig. "Grotesk" nannte er die in der FR erhobenen Vorwürfe, die sich indirekt auch gegen ihn richten. Danach beschwerte er sich zwar über die FR-Berichterstattung, doch für eine Stellungnahme ist er seit ein paar Tagen nicht mehr zu erreichen. Journalisten der Zeit wiegelt er mit den Worten ab: "Ich bin nicht involviert, und Gerold Becker ist krank."

Vor Gericht würde für enge Verwandte von Beschuldigten das Zeugnisverweigerungsrecht gelten. Darf man von Hentig trotzdem in Sippenhaft nehmen? Was kann dem Lebensgefährten Beckers verborgen geblieben sein? Becker selbst ist nie angeklagt worden, weil die Taten, die ihm Schüler vorwerfen, verjährt sind. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Doch die Vorwürfe sind so ungeheuerlich, dass das beredte Schweigen des großen deutschen Pädagogen von Hentig die Opfer und sein eigenes Lebenswerk beschädigt - mit nicht absehbaren Folgen für den Ruf der Reformpädagogik. Das ist die Schattenseite.

Und was bleibt auf der Sonnenseite? Der Gründer der Laborschule Bielefeld hat große Spuren hinterlassen. Er ist kein Bequemer und das bleibt sein Verdienst. So gehört von Hentig zu den massivsten Kritikern von Leistungsvergleichen wie Pisa. Messen und Zollstock ansetzen - das läuft seinem Verständnis von guter Schule entgegen. Bei seinen Schülern legte der Diplomatensohn von Hentig wenig Wert auf Zensuren, viel hingegen auf Selbstverantwortung und politische Urteilsfähigkeit. Derselbe Mann zweifelt heute die Urteilsfähigkeit der Missbrauchsopfer an. Therapeuten hätten einem der Ankläger Beckers die Idee eingegeben, er sei missbraucht worden, sagte von Hentig der SZ. Es scheint, als sei die Urteilsfähigkeit des messerscharfen Denkers getrübt.

"Lehrer machen eine Schule erfreulich oder schrecklich", schreibt Hentig in seiner Autobiografie. Sie erschien 2007; mit keinem Wort werden die Missbrauchsvorwürfe gegen den Lebensgefährten Becker erwähnt.

Zeitlebens pries Hentig das enge Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, die Einheit von Leben und Lernen, als Garant für gelungene Bildung. Den "Nur-Lehrer", der nach dem Klingelton die Schule verlässt, um sich dem Privaten zu widmen, hält er für einen schwachen Pädagogen. Das tut die Reformpädagogik bis heute - Schüler brauchen engagierte Pädagogen, keine Lehr-Maschinen. Aber der pädagogische Eros mit seinen Abhängigkeitsstrukturen ist anfällig für den Missbrauch. Dazu schweigt von Hentig, das Denkmal.

Es sei ihm nie gelungen, seinen Beruf von seinem Leben zu trennen, sagte er einmal bei einem Treffen in seiner Wohnung in Berlin. Genau das versucht er nun. Es wird ihm kaum gelingen.

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