Die Reihe der Ehrentitel und Auszeichnungen der Helene Lange-Schule in Wiesbaden ist lang: Hessische Versuchsschule, Unesco-Modellschule, Club-of-Rome-Schule. Nun hat auch diese Vorzeigeschule ihre Missbrauchsfälle. 1989 soll sich ein Kunstlehrer an vier Jungen vergriffen, sie in einer Sauna "befummelt" haben. Es war eine Mitschülerin, die davon hörte und damals den Fall ansprach.
Sie ignorierte den Hinweis, doch zu schweigen und berichtete über den Sex mit den Minderjährigen. Dann lief fast alles wie in der katholischen Kirche, derzeit oft genug beschrieben, ab: Der Lehrer wurde zuerst in die Weiterbildung, dann an eine andere Schule abgeordnet. Keine Strafanzeige - angeblich im Interesse der Kinder, der Eltern. Der Lehrer wurde nach der Versetzung sogar wieder an der Helene-Lange-Schule gesehen: Als Fotograf bei Schulfesten und Projekten. "Er war eben ein guter Fotograf", heißt das heute.
"Endlich kommt die Wahrheit ans Tageslicht", sagt Anke Wosu, Mutter ehemaliger Schüler über die "verschwiegenen Missbrauchsfälle", die jetzt die ehemalige Schulleiterin Enja Riegel in einem Interview in die Öffentlichkeit trug. Ehemalige Eltern zweifeln, dass es nur vier Fälle waren.
Das Schulamt prüft derzeit die Akte des inzwischen verstorbenen Kunsterziehers, der nach den Übergriffen "abgeordnet", aber nicht suspendiert wurde. Die Behörde will auch eine Stellungnahme der ehemaligen Schulleiterin Enja Riegel einfordern. Die Akte gilt als "dünn".
Die als Reformpädagogin bundesweit bekannte Enja Riegel fordert 20 Jahre später eine Kultur des Hinguckens, der Zivilcourage und Lehrer mit Rückgrat. Danach habe sie als Schulleiterin vor zwei Jahrzehnten gehandelt, meint sie. Aus heutiger Sicht räumt sie einen gravierenden Fehler ein: "Heute würde ich sofort die Staatsanwaltschaft informieren".
Zum Fall des Kunstlehrers sagt sie: "Die Geschichte des Missbrauchs ist erst zu Ende gegangen, als wir den Lehrer W. offiziell verabschiedet haben und die Schule ihm verziehen hat". "Es war und ist auch nicht so", meinen Betroffene heute verwundert.
Enja Riegel persönlich verzeiht dem Kunsterzieher, an den sie sich in Fachfragen selbst nach den bekannt gewordenen Missbrauchsfällen immer wieder gewandt habe.
Bei der Beerdigung von Hajo W., der nach einem Herzinfarkt in der Kerschensteiner-Schule, wo er zuletzt im Schuldienst war, starb, hielt sie die Trauerrede, eine letzte persönliche Geste. Dass W. weiter an gemeinsamen Buchprojekten mitgearbeitet habe, das hält Riegel für vertretbar. Außerdem wünscht sie sich angesichts der jetzt aufkeimenden Diskussion, dass auch stärker über die sexuellen Übergriffe auf Schülerinnen berichtet werde. Sie selbst sei betroffenen gewesen als Schülerin, als ein älterer Lehrer ihr unter den Rock griff. "Es geschieht überall auch noch heute", sagt sie.
Über die 20 Jahre zurückliegenden Vorfälle muss sie einen Bericht ans Schulamt abliefern.