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Internate: Geschlossene Gesellschaft

Wie Internate versuchen, Missbrauchsfällen vorzubeugen. Wichtig: Rollenklarheit und ein lebendiges Beschwerdewesen Von Felix Helbig

Ein altehrwürdiges Gemäuer, ein umgebauter Stall, ein See - so präsentiert sich Schloss Torgelow, ein privates Elite-Internat, in einer Hochglanzbroschüre. Hier bei Waren an der Müritz werden 230 "Schülerinnen und Schüler mit Zukunft" unterrichtet. Kaum ein Internat in Deutschland ist so elitär, so teuer wie Torgelow, das die Gedächtnisleistungen seiner Schüler schon mal bei "Stern TV" präsentiert und sich rühmt, höchste Leistungserwartungen zu erfüllen. Und doch ist Schloss Torgelow in einer Hinsicht ganz normal: "Die große Nähe zwischen Schülern und Lehrern ist eine ständige Herausforderung", sagt Internatsleiter Markus Klein, "wir versuchen, damit sehr professionell umzugehen."

Klein hält "geschlossene Systeme" für besonders gefährdet für sexuellen Missbrauch, weil die emotionale Distanz immer wieder neu ausgehandelt werden müsse. "Wir versuchen, unseren Schülern großes Selbstbewusstsein zu vermitteln, so dass sie mündig sind, Grenzen zu erkennen und Überschreitungen mitzuteilen." Bisher sei das nicht geschehen, aber von einem betroffenen Lehrer würde man sich sofort trennen. "Gefährdungen vorab zu erkennen, ist kaum möglich, wir können ja nicht die sexuellen Präferenzen von Lehrern abfragen. Man erkennt das auch nicht in Vorstellungsgesprächen."

Missbrauchsfälle hat es in der Vergangenheit immer wieder auch an nichtkonfessionellen Internaten gegeben, auf Schloss Rohlstorf bei Lübeck etwa oder in Bad Fredeburg im Hochsauerland. Etwa 250 Internate mit fast 10000 Schülern gibt es in Deutschland, vielen haftet das Vorurteil an, pädagogische Sanatorien für die jugendlichen Sozialfälle der Superreichen zu sein.

Doch wenn es stimmt, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern zwar überall, aber immer dort am häufigsten vorkommt, wo das Verhältnis von Macht, Distanz und Emotionalität heikel ist, dann sind Internate kein Sonderfall. Aber doch ein Musterfall.

Auf Schloss Hansenberg, einem Hochbegabten-Institut des Landes Hessen, versucht der Schulleiter auch das, was auf Torgelow als unmöglich gilt.

"Gerade in Einstellungsgesprächen mit neuen Lehrern sprechen wir das Thema offensiv an", sagt Wolfgang Herbst, "wir machen klar, dass man bei uns enger zusammenlebt als an normalen Schulen und dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen." Bevorzugt würden deshalb Lehrer eingestellt, die "engen Familienanschluss" haben.

Einen Schlüssel zur Prävention gegen Missbrauch sieht Herbst im offenen Umgang mit Sexualität. "Es ist wichtig, dass es keine Abgeschottetheit gibt. Das Thema Sexualität spielt eine wesentliche Rolle bei den Schülern, wir müssen damit sehr transparent umgehen und dürfen da nicht herumdrucksen", sagt Herbst.

Die Internatsschüler auf Hansenberg werden in getrennten Wohngruppen von je einem Sozialpädagogen und einem Lehrer betreut, die sich darum bemühen, dass niemand mit seinen Sorgen und Nöten alleine bleibt. Aufklärung "mit allen Interdependenzen", also mit Liebe, Sex, Verhütung und den dazugehörigen Problemen, sei dabei zentrales Anliegen, sagt Herbst.

Das gilt auch für das Internat Bad Fredeburg, neuerdings. Vor drei Jahren wurde der Leiter des Instituts wegen sexuellen Missbrauchs mehrerer Internatsschüler verurteilt. Im Laufe des Gerichtsverfahrens hatte sich herausgestellt, dass auch sein Adoptivsohn im Internat arbeitete, obwohl er bereits zwei Jahre zuvor wegen Missbrauchs verurteilt worden war. Das Internat, seinerzeit privat betrieben, ging in die Hand des Sozialwerks St. Georg über, keine direkt konfessionelle Einrichtung, aber ein der Caritas nahestehender Dienst. Gefordert war ein Neustart, "eine sehr problematische Geschichte", sagt Gitta Bernshausen, Geschäftsführerin der 2007 gegründeten Internats-Betreibergesellschaft.

Fredeburg ist keine Eliteschule - es gibt weder Schloss noch See -, hier werden vor allem Kinder mit der Aufmerksamkeitsstörung ADS betreut. Bernshausen und die neue Leitung schufen für die Kinder ein Erwachsenenumfeld, das sich öffnet. "Es muss Rollenklarheit herrschen, wir können uns nicht auf eine Ebene stellen", sagt sie, "aber es darf keine Themen geben, die nicht angesprochen werden dürfen." Es müsse klar sein, "dass die Betreuer eine Instanz sind, der man alles erzählen kann".

Nur so könne ein "lebendiges Beschwerdewesen" entstehen, in dem die Kinder sagen dürfen, was ihnen nicht gefällt. Und wo die Erwachsenen auch "hauchzarte Hinweise" verstehen können.

Autor:  Felix Helbig
Datum:  6 | 3 | 2010
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