kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Expertinnen: "Noch immer ein Tabu"

Psychotherapeutin Nadine Chaudhuri und Sozialarbeiterin Heike Karau beklagen im Gespräch mit der FR, dass Beratungsangebote zum Thema Missbrauch speziell für Jungen fehlen. Schulen und Kirchengemeinden sollen Leitlinien entwickeln.

Christliche Kruzifixe
Christliche Kruzifixe
Foto: dpa

Seit fast 20 Jahren setzt sich die Lawine für eine Kultur des Hinsehens bei sexuellem Missbrauch ein. Was zeigt die aktuelle Diskussion?

Heike Karau: Wir sehen, wie wichtig es ist, den Kindern und Jugendlichen zu glauben und genau hinzuschauen, wenn von sexueller Gewalterfahrung berichtet wird. Nach wie vor wird weggeschaut. Es ist noch immer notwendig, da anzusetzen, dass dieses Tabu gebrochen wird.

Zur Person

Nadine Chaudhuri ist Psychotherapeutin und seit neun Jahren Mitarbeiterin der Hanauer Opfer-beratungsstelle Lawine.

Heike Karau ist Sozialarbeiterin und gehört seit der Gründung der Beratungsstelle vor 19 Jahren zum Team der Beraterinnen. (jur)

Nadine Chaudhuri
Nadine Chaudhuri
Foto: dpa

Können die Berichte über Missbrauch in Schulen und Kirchengemeinden zur Enttabuisierung beitragen?

Nadine Chaudhuri: Das Thema ist noch mal viel deutlicher ins öffentliche Bewusstsein geraten. Selbst für uns, die ständig mit dem Thema zu tun haben, ist es erstaunlich, wie viel passiert ist. Die Mechanismen der Verleugnung und Bagatellisierung funktionieren noch immer.

Heike Karau
Heike Karau
Foto: Lawine

Karau: Das Ausmaß ist das Schockierende.

Chaudhuri: Und dass es so vertuscht wird. Dass das intern in Institutionen geregelt wird. Welche Kräfte dagegen wirken, dass es an die Öffentlichkeit kommt. Nicht der Missbrauch ist tabu, sondern das Sprechen darüber.

Das Besondere ist, dass jetzt auch bekannte Persönlichkeiten berichten, wie sie missbraucht wurden. Verändert das das Bild des Opfers?

Karau: Das zeigt, dass jeder, dass jede Opfer werden kann. Dass es etwas Schichtenübergreifendes ist. Dass die Arztfamilie genauso betroffen ist wie die Arbeiterfamilie. Es macht auch deutlich, dass man trotz sexueller Gewalterfahrung seinen Weg gehen kann - in Beruf, in Familie. In vielen Vorstellungen schließt das Eine das Andere aus. Dieses Bild wird jetzt zurechtgerückt.

Auch männliche Opfer geraten in den Blick. Die Lawine berät Jungen bis zum Alter von 12 Jahren. Was ist der Unterschied zu den weiblichen Betroffenen?

Chaudhuri: Jungs werden immer noch so erzogen, dass sie stark sein müssen. Sexuelle Übergriffe zu erleben durch eine meistens männliche Person ist besonders schwer für sie zu begreifen. Das geht bei Jungen zum Beispiel auf die Schiene: Bin ich schwul? Das darf nicht sein, wird ja als Schimpfwort verwendet. Der Druck, sich schuldig zu fühlen, ist größer, weil man sich als Junge nicht wehren konnte. Erziehungsbedingt ist es schwieriger für sie, sich als Opfer zu offenbaren.

Gibt es genug Beratungsstellen für Jungen in Hessen?

Chaudhuri: Es gibt sowieso zu wenig Kindertherapeuten, erst recht männliche pädagogische und therapeutische Kräfte für Jungs.

Karau: Hessenweit gibt es auf alle Fälle noch Bedarf. In Hanau bietet die Hanauer Hilfe Beratung für Jungen ab zwölf Jahre an. Es gibt das Männerzentrum in Frankfurt. Die Erziehungsberatungsstellen und der Kinderschutzbund machen auch Angebote für Jungs. Aber es gibt zu wenig Fachberatungsstellen für Jungs.

Chaudhuri: Es kann gut sein, dass jetzt noch mehr Hilfesuchende auf uns zukommen. Mit unseren zwei Stellen hätten wir dafür zu wenig Kapazitäten. Wir bräuchten dazu mehr Geld.

Die Verjährungsfrist für die Taten wird jetzt wieder diskutiert. Warum fordern Sie seit Jahren eine längere Frist?

Karau: Das Gesetz muss verändert werden, um den Betroffenen gerecht zu werden. Das ist ein Phänomen, das gehört zum Thema dazu - dass es so schwer ist darüber zu sprechen und es manchmal Jahrzehnte dauert. Wichtig ist, dass die Verjährungsfrist interdisziplinär diskutiert wird. Nicht nur von Juristen, sondern auch von Mitarbeitern der Opferberatungsstellen. Dass deren Erfahrungen mit einbezogen werden.

Chaudhuri: Die Verjährung ist nicht der einzig juristisch relevante Aspekt. Es geht auch um die Art der Prozessführung, dass immer nach Einzeltaten entschieden wird, die oft vom Opfern schwer rekonstruiert werden kann. Missbrauch hat keine Zeugen und lässt sich nur schwer beweisen. Dass die Opfer ausgesprochen stabil sein müssen, um der Konfrontation und der Frage der Glaubwürdigkeit standhalten zu können. Das widerspricht oft der therapeutischen Haltung, wo es darum geht, sich zu schützen und nichts herbeizuführen, was retraumatisierend wirken könnte.

Die juristische Aufarbeitung steht am Ende. Ganz am Anfang steht die Vorbeugung. Wie können wir unsere Kinder schützen?

Chaudhuri: Wir von der Lawine gehen in Kindergärten, Schulen. Es ist ganz wichtig, Kindern und Jugendlichen ein Gefühl dafür zu geben, wo ihre Grenzen liegen. Auch den Eltern. Es geht darum, Kinder stark zu machen. Dass sie eine Sensibilität dafür bekommen, welche qualitativen Unterschiede es von Zuwendung und Berührung gibt. Dass sie reden über Schamgefühle, Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit.

Karau: Zur Prävention gehört auch, dass die Erwachsenen ihren eigenen Umgang mit Kindern überprüfen. Wie achte ich die Grenzen von meinem Kind? Und dass sie nicht die Augen verschließen, wenn Kinder sexuelle Gewalt erfahren. Dass interveniert wird. Das fällt ja nach wie vor schwer, wie die jetzt bekannt gewordenen Fälle zeigen. Es wurde nicht gehört, bagatellisiert, dem Kind nicht geglaubt. Es muss klar werden, dass die Erwachsenen die Verantwortung haben. Der Erwachsene ist immer überlegen.

Sie bilden auch Lehrer und Erzieherinnen weiter. Sind die vorbereitet?

Chaudhuri: Bei Erziehern und pädagogischen Fachkräften herrscht eine große Verunsicherung. Jede Schule, jede Kirchengemeinde bräuchte eine Leitlinie, wie sie mit dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs umgeht. Diese Konzepte fehlen. Wie notwendig sie sind, zeigt die aktuelle Diskussion.

Interview: Jutta Rippegather

Datum:  19 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Meinung

Klare Worte - die Meinungsseiten der FR.

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?