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Interview mit Leiterin der Odenwaldschule: "Es war ein Fehler, die Opfer auszublenden"

Die Leiterin der Odenwaldschule Margarita Kaufmann entschuldigt sich am Montag bei den Opfern sexuellen Missbrauchs an der Schule. Das Internat richtet eine Hotline für Betroffene ein. Mit der FR sprach Kaufmann im Vorfeld darüber, ob ein befangener Schulvorstand in der Lage ist, den Skandal aufzuarbeiten.

Die Schulleiterin der privaten Odenwald Schule Margarita Kaufmann.
Die Schulleiterin der privaten Odenwald Schule Margarita Kaufmann.
Foto: ddp

Frau Kaufmann, wieso hat es nach 1999 so lange gedauert, bis die Odenwaldschule sich endlich ihrer Vergangenheit gestellt hat?

Ich denke, die Odenwaldschule hat sich, nachdem Ihre Zeitung damals über die Missbrauchsfälle berichtet hat, hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Es wurde vor allem gefragt: Was ist institutionell zu tun? Außerdem hat mein Vorgänger ganz intensiv die Stoßrichtung verfolgt, die Odenwaldschule nicht mehr in Verbindung zu bringen mit Gerold Becker. Das heißt, überall, wo Becker aufgetaucht ist, ist die Odenwaldschule fern geblieben.

Zur Person

Margarita Kaufmann ist seit 2007 Leiterin der Odenwaldschule in Heppenheim. Sie betreibt die Aufklärung des der lange vertuschten systematischen Übergriffe auf Schüler und will sich dafür Hilfe von außen holen.

Bisher habe niemand auf die Opfer geschaut, kritisiert die Rektorin. Mit dem alten Schulvorstand hält sie einen Neuanfang für nicht möglich und erwartet deshalb seinen Rücktritt.

Margarita Kaufmann
Margarita Kaufmann
Foto: dpa

In der Rückschau betrachtet: Hat das gereicht?

Nein, das hat sicher nicht gereicht. Es war aus heutiger Sicht ein Fehler, sich nur um die Institution zu kümmern und nicht auf die Opfer zu schauen. Niemand hat gefragt, wie viele Opfer es wirklich gegeben hat, was ihnen geschehen ist, welche Schäden sie davon getragen haben. Es hat damals zwar Gespräche mit den Opfern gegeben, aber aktiv recherchiert wurde nicht.

Von wie vielen Opfern gehen Sie mittlerweile aus?

Ich gehe nach wie vor von etwa 20 Kindern aus. Mit einem Teil von ihnen habe ich selbst gesprochen und den anderen Teil hat eine Gruppe von betroffenen Altschülern recherchiert.

Die Altschüler selbst sprechen von 50 bis 100 Opfern. Übertrieben?

Wenn wir auch die Übergriffe dazuzählen, die morgens unter der Dusche stattgefunden haben, dann ist man sehr schnell bei einer höheren Zahl.

Welche Übergriffe meinen Sie?

Dass gemeinsam geduscht wurde, dass Herr Becker seine Schüler abgetrocknet hat, sie dabei im Intimbereich angefasst hat und auch versucht hat, sie zu küssen. Das sind ja sicherlich auch Übergriffe. Wenn man das alles zusammen nimmt, ist man schnell bei einer größeren Zahl als 20. Ich möchte das aber gerne abwarten, bis wir in Zusammenarbeit mit unserer Anwältin mehr erfahren. Wir müssen sehen, welche Reaktion von den Altschülern kommt, die ich anschreibe.

Wie haben die Altschüler und ihre Eltern bislang reagiert?

Ich denke, sie sind genauso überrascht von der öffentlichen Reaktion wie ich. Dass das Thema gleich in die Abendnachrichten kommt, hat alle unsere Befürchtungen übertroffen.

Frau Kaufmann, verfügt die Odenwaldschule noch über die nötige Kraft und die nötige Neutralität, um das ganze Ausmaß des Skandals im Alleingang zu recherchieren?

Ich weiß es nicht. Sicher ist, dass ich das nicht alles alleine machen kann. Ich werde auf jeden Fall versuchen, Hilfe von außen zu holen. Wer dafür in Frage kommt, das müssen wir noch klären. Dazu brauche ich natürlich die finanzielle Unterstützung und den Rückhalt des Vorstandes. Da ist noch viel Arbeit vor uns.

Im Vorstand sitzen ja Menschen, die Herrn Becker auch nach 1999 noch in Schutz genommen, ihn zum Teil massiv verteidigt haben. Auch im OSO-Verein sitzt noch eine ganze Reihe von engen Becker-Vertrauten. Ist so eine Konstruktion noch tragbar?

Ich denke, für einen Neuanfang ist es nötig, dass sich die Schule klar positioniert. Das kann man nur, wenn man unbefangen ist. Das gilt auch für mich.

Sie wollen zurücktreten?

Ich gehe davon aus, dass der Vorstand, dem ich ja angehöre, geschlossen zurücktreten wird. Unabhängig davon werde ich die jetzt gestellten Aufgaben als Schulleiterin uneingeschränkt annehmen. Damit trage ich weiterhin die Verantwortung für die Schule, unsere Mitarbeiter und unsere 220 Schülerinnen und Schüler, die sich sehr wohl bei uns fühlen. Und wir haben Eltern, die großes Vertrauen in uns setzen. Dem müssen wir gerecht werden. Wir wollen die Schule ja nicht ruinieren, sondern im Gegenteil gestärkt in die Zukunft führen!

Interview: Jörg Schindler

Datum:  8 | 3 | 2010
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