In diesen Tagen haben sich Verantwortungsträger der Odenwaldschule schriftlich an Schüler gewandt, die teils jahrelang hinter den verschwiegenen Internatsmauern missbraucht wurden. Deren Kritik, schrieben die hochmögenden Pädagogen, entspreche einem "diskriminierenden Pauschalverdacht". So etwas sei "kein respektvoller Umgang mit Menschen" und "unerträglich".
Auch Peter Conradi, der lange Jahre die SPD im Bundestag vertrat und lange die Geschicke der Odenwaldschule mitbestimmte, meldete sich soeben zu Wort. "Erschreckend und unfassbar" sei das Ausmaß des Skandals an der Unesco-Modellschule. Aber 1999, als ein Teil davon erstmals publik wurde, habe das niemand ahnen können. Er müsste es besser wissen. Er hätte die Briefe lesen können, die damals auch an ihn gerichtet waren. Hat er sie vergessen? Oder verdrängt?
Niemand sollte sich täuschen: Auch wenn die Odenwaldschule nun - endlich - ihren Erneuerungsprozess eingleitet hat, in ihren Gremien sitzen weiterhin Menschen, deren Blick auf die Wirklichkeit erstaunlich getrübt ist. Die nicht wahrhaben wollen, was nicht wahr sein darf. Die Missbrauchsopfer noch immer anzweifeln und verhöhnen. Es ist eine Anmaßung sondergleichen, verübt von Leuten, die sich einst auf die Fahne schrieben, mündige, selbstbewusste Schüler zu erschaffen.
Die Odenwaldschule und ihre pädagogische Tradition haben es verdient weiterzubestehen. Aber nicht mit Führungskräften, die drucksen, leugnen und vermeintlich im Dienst der Sache die Wahrheit verbiegen. Es ist gut, dass es Aufrechte gibt, die nun für einen Neuanfang streiten.