Der sexuelle Missbrauch ist kein Einzelproblem der Odenwaldschule. In allen Einrichtungen der sozialen Arbeit besteht die Gefahr, dass die Grenzen von Kindern und Jugendlichen verletzt werden. „Was publik geworden ist, ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Günter Woltering, Geschäftsführer des Paritätischen Hessen am Donnerstag in Frankfurt. „Keiner soll mehr sagen, das ist völlig neu, damit habe ich mich noch nie beschäftigt.“
Das Diakonische Werk in Hessen und Nassau hat eine Kommission zum sexuellen Missbrauch eingesetzt. Zusammen mit der Kirche wird über eine Broschüre nachgedacht. Fortbildungen werden angeboten. Jeder Beschäftigte einer Jugendeinrichtung muss sich verpflichten, die „psychische und physische Integrität“ der jungen Menschen zu respektieren. Gemeinsam mit der Caritas gab die Diakonie vor zwei Jahren eine Broschüre zum Kinderschutz heraus.
Die Caritas verweist auf die Koordinationsstelle zur Prävention von sexuellem Missbrauch des Bistums in Limburg. Auf deren Homepage sind die Ansprechpartner zu finden, allgemeine Informationen zum Thema und Terminhinweise auf Präventionsveranstaltungen. www.praevention.bistumlimburg.de
Bei der Arbeiterwohlfahrt-Südhessen sind keine Arbeitshilfen in Arbeit. Bei den derzeit laufenden Re-Zertifizierungen der Kinder- und Jugendeinrichtungen geht es unter anderem auch um das Thema Prävention.
Beim Deutschen Rote Kreuz (DRK) Hessen müssen Beschäftigte in der Jugendarbeit einen Verhaltenskodex unterzeichnen. Dort steht, dass „sexistisches, diskriminierendes und gewalttätiges verbales oder nonverbales Verhalten“ inakzeptabel sind. Hauptamtliche im Jugendrotkreuz müssen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. (jur)
Nur wer die Gefahr vor Augen habe, könne ihr etwas entgegensetzen. Die Möglichkeiten der Prävention sind zahlreich. In einer neuen, leicht verständlichen Arbeitshilfe sind sie und andere Informationen zusammengefasst. Herausgeber ist der Paritätische Gesamtverband, Initiator der Landesverband Hessen, der auch die Odenwaldschule zu seinen Mitgliedern zählt.
„Jeder Träger sollte eine Risikoanalyse erarbeiten.“ Das ist einer der Tipps, um Missbrauch in den Diensten und Einrichtungen vorzubeugen. Bei Einstellungsgesprächen müsse der Schutz vor sexualisierter Gewalt thematisiert werden. Empfohlen wird die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses. Die Broschüre nennt Anlaufstellen, informiert über gesetzliche Hintergründe. Wie gehe ich mit der Presse um? Muss ich Anzeige erstatten? Das sind Fragen, die das Heft auf 37 Seiten beantwortet.
Dem Paritätischen geht es darum, dass auch jetzt, nach Monaten der Diskussion, das Thema auf der Tagesordnung bleibt, betonte Maria-Theresia Schalk, eine der Autorinnen. „Wir wollen Flagge zeigen. Ächtung von Gewalt ist unsere oberste Maxime.“ Ziel sei es, Einrichtungen dazu zu ermutigen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Broschüre biete aber auch viele praktische Hilfen – etwa zur Frage, was ein Arbeitgeber im Einstellungsgespräch fragen darf. Ergänzend dazu wird eine Arbeitsjuristin von Mai an Fortbildungen für Interessierte in den Mitgliedsorganisationen anbieten. In vielen arbeiten Ehrenamtliche.
Initialzündung Odenwaldschule
Die Initialzündung für die Arbeitshilfe lieferte der Skandal um die Odenwaldschule, sagte Woltering. „Das hat uns erstmal sprachlos gemacht.“ Das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle habe die Öffentlichkeit und die Fachwelt wachgerüttelt.
„Es hat eine Zäsur stattgefunden“, sagte Schalk und sprach von einer „massiven Krise“. Ihr Wunsch: „Das könnte auch eine Chance für die sozialen Einrichtungen sein.“
An ihnen liege es nun, ihre Mitarbeiter zu qualifizieren, damit sie künftig kompetent mit Verdachtsfällen umgehen, sagte Wolterin und forderte: „Sie müssen in die Lage gebracht werden, angemessen zu reagieren.“
Dazu gehöre auch, dass ein gutes Netz an Fachdiensten zur Verfügung stehe. Den Beratungsstellen für Menschen, die sexuell missbraucht wurden, haben die bekannt gewordenen Vorfälle viel Zusatzarbeit beschert. Die sei kaum zu leisten. „Die Einrichtungen sind total unterfinanziert“, sagte Woltering