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Leitartikel: Das Schweigen der anderen

Ob in Klöstern oder Reformschulen, überall wurde Missbrauch vertuscht und bagatellisiert. Es ist Zeit für eine offene Debatte: Wie viel "Eros" verträgt die Pädagogik - und wie viel Distanz? Von Katja Irle

Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Katja Irle ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Die Pädagogen kennen ihn alle, den schweigsamen Schüler. Er sitzt hinten, schreibt eifrig mit, meldet sich jedoch nie. Mündlich mangelhaft. Bei einem großen Teil der deutschen Erziehungswissenschaftler verhält es sich zurzeit ebenso, obwohl sie generell alles andere als schweigsam sind.

Sie befinden sich seit den Missbrauchsvorwürfen gegen frühere Lehrer der Odenwaldschule und anderer Einrichtungen in einer Schockstarre. Es wird Zeit, dass sie aufwachen. Sie werden dringend gebraucht, um das völlig aus dem Lot geratene Verhältnis zwischen Nähe und Distanz in der Pädagogik neu zu definieren.

Die ersten Rückmeldungen vom Krankenlager der Theoretiker und Praktiker lassen jedoch nichts Gutes ahnen. Der Promi-Pädagoge und ehemalige Salem-Internatsleiter Bernhard Bueb ("Von der Pflicht, zu führen") nimmt den von Odenwald-Schülern beschuldigten Gerold Becker in Schutz. Hartmut von Hentig, der Frontman der deutschen Reformpädagogik, lobt seinen Lebensgefährten Becker als den größten Pädagogen der Gegenwart.

Sehr viel weiter reicht der Solidarisierungseffekt à la Roman Polanski ("Ja, er hat vielleicht Dreck am Stecken, aber er ist ein großer Künstler") zum Glück nicht. Es herrscht Schweigen. Erstaunlich still ist es um andere Reformpädagogen geworden. Kein Wort etwa vom Verbund "Blick über den Zaun", dem rund hundert Reformschulen angehören. Dabei hätten sie neben einer klaren Distanzierung von ins Zwielicht geratenen Vorbildern doch so viel zu sagen: nämlich dass alle Konzepte und Theorien pervertiert werden können, auch die ihren. Aber auch, dass eine Reform der Schule jetzt dringender ist denn je.

In diesem Punkt zeigt sich eine Parallele zum Missbrauch in katholischen Klöstern, Schulen, Chören, Gemeinden. Täglich werden neue Fälle bekannt, so dass man mittlerweile von systematischem Missbrauch sprechen muss. Dennoch wird kaum jemand fordern, die katholische Kirche als Ganzes abzuschaffen. Gleichwohl werden nun, angestoßen durch die Missbrauchsdebatte, längst überfällige Reformen diskutiert, die zumindest in der Theorie bis zur Lockerung des Zölibats reichen. Das würde sexuellen Missbrauch künftig nicht verhindern, aber es könnte im Idealfall zu einer Neubewertung der katholischen Sexualmoral und ihrer Homosexuellen-Phobie führen - und damit zu mehr Transparenz.

Genau das brauchen auch Teile der deutschen Reformpädagogik und alle Einrichtungen mit pseudofamiliären Erziehungsstrukturen. Sie haben sich viel zu lange als "pädagogische Inseln" verstanden. Ob Odenwaldschule oder Jesuitenkolleg, das Vergehen bleibt dasselbe: Missbrauch von Vertrauen, Autorität und Macht. Für das Opfer macht es keinen Unterschied, ob es von einem autoritären pädophilen Pater im Beichtstuhl missbraucht wird oder von einem weltlichen Internatsleiter, der vorgibt, sein Kumpel zu sein. Überall wurde geschwiegen, vertuscht, bagatellisiert. Nicht nur mit den ungeheuerlichen Taten wurden die Körper und Seelen der betroffenen Kinder und Jugendlichen zerstört. Sie haben auch und vor allem am Schweigen der anderen ihr Leben lang zu tragen. Diese Mitwisserschaft hat ihnen die Luft zum Atmen genommen. Manche sind daran innerlich erstickt.

Wie viel "Eros" verträgt die Pädagogik noch nach diesem Super-Gau? Ist die "Einheit von Leben und Lernen" (von Hentig) für alle Zeiten diskreditiert, und gilt als guter Pädagoge nur noch derjenige, der Distanz hält? Dann könnte man gleich alle Schulen auflösen und das Lernen als Fernunterricht betreiben. Schüler träfen ihre Lehrer nur noch im Virtuellen - und verkümmerten dabei. Auch die Debatte um mangelnde Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem hätte sich damit erledigt, weil gerade die Benachteiligten die Förderung und Zuneigung brauchen, die sie zu Hause nicht bekommen.

Über den taktvollen Umgang zwischen Kind und Pädagoge wäre demnach ebenso dringend zu sprechen wie über eine Neubewertung der Lehrerpersönlichkeit - und zwar bevor jemand in den Schuldienst geht. Die Pädagogen könnten mit der Debatte gleich heute anfangen und ihr Schweigen beenden. 2000 Erziehungswissenschaftler treffen sich zu einem der größten deutschen Pädagogenkongresse in Mainz, um über "Bildung in der Demokratie" zu reden. Wenn sie aus aktuellem Anlass auch über Bildung in Zeiten des Missbrauchs sprechen, ist ihnen Beifall gewiss. Die Zunft braucht ihn gerade dringend.

Autor:  KATJA IRLE
Datum:  14 | 3 | 2010
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