Wenn ein Papst einen Hirtenbrief schreibt, folgt immer das Gleiche: Die Vatikan-Astrologen innerhalb und außerhalb der Kirche beugen sich über jedes Wort, um zu erahnen, wem die höchste Autorität eigentlich was sagen wollte.
Für alle, denen die Zukunft der katholischen Kirche speziell am Herzen liegt, mag das äußerst spannend sein. Und auch für die Ungläubigen, die sich wirksame Vorkehrungen zum Schutz unserer Kinder vor Missbrauch wünschen, ist die Deutung des neuen Schreibens von Benedikt XVI. nicht ohne Belang. Dennoch sind hier nicht die Vatikan-Astrologen und Papst-Auguren die besten Experten, sondern jene, die aus grausamer Erfahrung wissen, wovon Benedikt redet: die Opfer. Sie hat der Papst ganz offensichtlich enttäuscht. Einen Betroffenen in Irland zitieren die Agenturen mit dem kurzen wie vernichtenden Urteil, er habe "keine Bestätigung gebraucht, dass Missbrauch eine Straftat und Sünde ist".
Besser kann man das Versagen des Pontifex kaum beschreiben. Für Abscheu und Empörung, für "Schande und Reue", für das Ausmaß der Verbrechen hat das Oberhaupt der katholischen Kirche durchaus deutliche Worte gefunden. Aber das Schreiben an die irischen Katholiken wirkt, als sei ihm dabei schon die Puste ausgegangen. Als falle ihm schon das Selbstverständliche schwer: die Verbrechen in den eigenen Reihen offiziell und öffentlich beim Namen zu nennen.
Manche Kirchenkenner werden darauf verweisen, dass genau darin tatsächlich eine große Leistung des Oberhirten liege, gemessen an früheren Praktiken des Verschweigens und Beschönigens. Mag sein, aber: Wenn schon die Benennung der Verbrechen Überwindung kostet, dann spricht das gegen die Vergangenheit des organisierten Katholizismus, nicht für sein Ankommen in der Gegenwart - trotz seiner erfreulichen, wenn auch wenig konkreten Appelle zur konsequenten Aufarbeitung.
Die Pflicht eines Kirchenführers im 21. Jahrhundert wäre es gewesen, sich selbst in die Verantwortung auch für seine verbrecherischen Schäfchen zu nehmen. Bei allen Formulierungen des Bedauerns ist ein entscheidender Satz aber nicht zu finden: "Ich bitte um Entschuldigung." Das ist sicher kein Versehen. Der ganze Brief kommt so daher, als habe die Kirche als Institution, für die das "Ich" des Papstes steht, mit dem Ganzen nichts zu tun. Der Mann, der sie personifiziert, schließt sich aus der Verantwortung faktisch aus.
Die Missbrauchs-Opfer werden dieses Versäumnis als eine neue, weitere Verletzung empfinden, das ist das Schlimmste. Es betrifft aber auch die Kirche selbst: Ein Papst, der sich in die Verantwortung nähme, müsste über Strukturen und Regeln der Institution sprechen, die er vertritt. Er müsste fragen, wo sie den Missbrauch begünstigt haben und noch begünstigen. Da geht es unter anderem, aber keineswegs nur um den Zölibat. Da geht es (bei der Kirche wie anderswo) um geschlossene Lebensformen, etwa in Internaten. Um klösterliche oder andere "Bruderschaften", die sich gedanklich und/oder real mit Mauern umgeben. Die so "welt-fremd" leben, dass jeder Einbruch der realen Welt zum Kontrollverlust zu führen droht.
Statt sich zu fragen, welche Gefahren diese Strukturen bergen, hat es der Papst - hier nicht klüger als sein Augsburger Bischof Mixa - beim Beklagen des sozialen Wandels belassen, der das "traditionelle Festhalten der Menschen an den katholischen Lehren und Werten beeinträchtigt" habe. So zeigt der Brief, dass Benedikt selbst noch gedanklich hinter Mauern lebt. Und das hat Folgen über den Anlass hinaus.
Eine Institution wie die katholische Kirche steht heute vor der Entscheidung: Entweder sie öffnet sich konsequent einer Welt voller Versuchungen. Dann müsste sie ihre Verfasstheit radikal überprüfen und sich jeden Anspruchs auf geschützte Räume eigener Rechtsprechung enthalten - auf die Gefahr hin, eine Organisation zu werden wie viele andere auch, zum Beispiel Wohlfahrtsverbände. Oder aber sie beschränkt sich darauf, die spirituellen Bedürfnisse erwachsener Menschen zu bedienen, die ihr freiwillig folgen. Kinder zu unterrichten, gehörte dann nicht mehr zu ihren Aufgaben, und Ansprüche auf Steuergeld wären passé. Beides zugleich geht nicht: sich eine eigene Welt zu schaffen und zugleich mitzumischen im wirklichen, dem gesellschaftlichen Leben. Zu diesem Thema, an dem die Zukunft seiner Kirche hängt, hat Benedikt XVI. nicht etwa wenig beigetragen, sondern: nichts.