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Missbrauch an hessischer Schule: Aufruhr im Odenwald

Wegen des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule soll der Vorstand gehen, fordert die Schulleiterin. Opfer der Übergriffe erwägen, das Land Hessen zu verklagen, um Versäumnisse aufzudecken. Von Jörg Schindler

Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach.
Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach.
Foto: dpa

Schulleiterin Margarita Kaufmann erwartet, dass der Vorstand, dem auch sie angehört, geschlossen zurücktritt. Für einen Neuanfang sei es nötig, dass sich die Schule klar positioniere. "Das kann man nur, wenn man unbefangen ist", sagte Kaufmann der Frankfurter Rundschau. Als Schulleiterin will sie selbst aber im Amt bleiben. Sie werde "die jetzt gestellten Aufgaben als Schulleiterin uneingeschränkt annehmen".

Ex-Schüler schilderten in Berichten, die der FR vorliegen, weitere Details des sexuellen Missbrauchs an der Schule. So habe ein inzwischen verstorbener Lehrer einen Schüler regelmäßig zum "Mittagsschläfchen" aufgefordert, bei dem er ihn im Intimbereich anfasste und streichelte. Auch der Adoptivvater des Lehrers habe sich bei einem Besuch an den Übergriffen beteiligt.

Ober Hambach bei Heppenheim unweit der Odenwald Schule
Ober Hambach bei Heppenheim unweit der Odenwald Schule
Foto: ddp

Ein weiterer Altschüler berichtete der FR, es habe nicht nur Übergriffe gegen Jungen, sondern auch gegen Mädchen gegeben. So sollen sich zwei Lehrer ein Mädchen als sexuelle Gespielin "geteilt" haben. In mehreren Fällen sollen Lehrer ihre Schülerinnen später geheiratet haben.

Ehemalige Schüler erwägen nun auch eine Verwaltungsklage gegen das Land Hessen, um Versäumnisse der Politik aufzudecken. Bereits im November 1999 hatte die FR erstmals über den jahrelangen Missbrauch durch den früheren Schulleiter Gerold Becker berichtet. Nach der Veröffentlichung kündigte das Hessische Kultusministerium unter der damals neuen Ressortleiterin Karin Wolff (CDU) an, dass die Zulassung der Einrichtung als staatlich anerkannte Schule überprüft werde. Dies ist nie geschehen. Womöglich habe das wahre Ausmaß des Skandals auch deshalb noch weitere zehn Jahre vertuscht werden können, weil die Politik damals nicht ausreichend reagiert habe, sagte ein Altschüler der FR.

Die jetzige hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) kündigte eine Prüfung der Vorgänge und möglicher Versäumnisse der Schulaufsicht an. Die Grünen wollen den Fall zum Thema im Schulausschuss des Landtags machen.

Zahlreiche Prominente haben die Schule besucht, darunter der Schriftsteller Klaus Mann, die TV-Moderatorin Amelie Fried und der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit.

Angesichts des Ausmaßes der Missbrauchsfälle an zahlreichen Schulen dringt auch die Bundesregierung auf Konsequenzen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte der Bild am Sonntag, sie werde mit dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz und den Vorsitzenden der Lehrerverbände sprechen. Dabei solle über konkrete Maßnahmen beraten werden, um weiteren Fällen vorzubeugen und den Opfern zu helfen.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  7 | 3 | 2010
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