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Missbrauch durch Pädagogen: Beredtes Schweigen

Eine Säule der deutschen Pädagogik wird durch die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule demontiert. Doch die Zunft der Erziehungswissenschaftler - sonst sehr bered - schweigt. Von Yvonne Globert und Katja Irle

Der frühere Leiter der Schule - Gerold Becker - , hier beim Unterricht in den siebziger Jahren, soll an sexuellen Übergriffen auf Schüler beteiligt gewesen sein. Eine bereits erfolgte Strafanzeige blieb folgenlos - die Taten waren bereits verjährt.
Der frühere Leiter der Schule - Gerold Becker - , hier beim Unterricht in den siebziger Jahren, soll an sexuellen Übergriffen auf Schüler beteiligt gewesen sein. Eine bereits erfolgte Strafanzeige blieb folgenlos - die Taten waren bereits verjährt.
Foto: kraus

Die Zunft der deutschen Erziehungswissenschaftler ist eigentlich sehr beredt. Der Diskurs, auch der kritische, ist ihr Metier. Aber in den vergangenen Tagen schweigen die meisten Forscher, obwohl gerade eine Säule der deutschen Pädagogik durch die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule demontiert wird. Die Reformpädagogik steht auf dem Prüfstand. Aber auf eine rege Beteiligung der Experten an der Debatte wartet man bisher vergebens.

Man wisse von den "unmittelbaren Vorkommnissen nichts", so heißt es. Und: Man wolle niemanden in Misskredit bringen, denn bisher sei ja nichts bewiesen. Andere Kenner der Szene befinden sich "gerade im Ausland" und können deshalb keine Stellung beziehen, wenn es um die Missbrauchsfälle durch den Erziehungswissenschaftler und Reformpädagogen Gerold Becker geht. Dabei sind die Vorwürfe seit Jahren bekannt. Und genauso lange wird hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Mit Namen in der Zeitung stehen möchte man aber lieber nicht. Wehe dem, der den ersten Stein wirft.

Noch dichter wird die Mauer, wenn es um den Frontmann der deutschen Reformpädagogik und langjährigen Lebensgefährten Beckers, Hartmut von Hentig, geht. Zu einer möglichen Mitwisserschaft Hentigs positioniert sich niemand. Drei Altschüler der Odenwaldschule werfen Hentig nach FR-Recherchen vor, den Missbrauch durch Becker gedeckt zu haben. Bewiesen ist das nicht.

Immerhin ein zitierbarer Kommentar ist dem Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften, Professor Rudolf Tippelt, zu entlocken: "Vorfälle dieser Art widersprechen aufs Massivste dem Berufsethos der Pädagogen. Zu einzelnen Vorfällen äußern wir uns zurzeit aber nicht." Auch nicht dazu, ob die Reformpädagogik durch die Vorfälle diskreditiert wird oder nicht.

Teile der Reformpädagogik, deren Anfänge im 19. Jahrhundert liegen und die viele unterschiedliche Strömungen hervorgebracht hat, gelten bis heute als demokratisch und fortschrittlich. Denn diese neue Pädagogik war ein Angriff auf die autoritäre Paukerschule. Ihr Ziel war der selbstständige Schüler. Verwirklicht werden sollte diese Form der Reformpädagogik unter anderem in sogenannten Landerziehungsheimen wie der Odenwaldschule, in denen Lehrer und Schüler in einer familiären Gemeinschaft lebten.

Dass diese Schulen damit auch außerhalb einer externen Kontrolle standen, wurde nach Ansicht des Tübinger Erziehungswissenschaftlers Ulrich Herrmann lange ausgeblendet. Er ist bisher einer der wenigen, die sich zu den Vorfällen an der Odenwaldschule äußern. Er soll den Festvortrag zum 100. Jubiläum der Odenwaldschule am 17. April halten. Eine Jubelrede mit viel Schatten wird das nun werden.

Man habe Landerziehungsheime wie die Odenwaldschule lange als "pädagogische Inseln" betrachtet, als eine Art heile Welt, sagt Herrmann der FR. Selbstkritisch räumt er ein: "Wir haben als Historiker und Pädagogen immer auf die Sonnenseite geschaut, weniger auf die Schattenseiten."

Herrmann hinterfragt vor allem das Familienprinzip der Schulen und sieht hier ein Einfallstor für Missbrauch: "So wie in der Familie die meisten Missbrauchsfälle geschehen, weil dort die externe Kontrollinstanz fehlt, musste einem seit Jahrzehnten klar sein, dass dieses Prinzip - angewandt auf die Internate - eine strukturelle Gefährdung für die Kinder und Jugendlichen darstellt."

Zurück bleibt für viele in der Pädagogik-Szene ein Gefühl der Enttäuschung - über pädagogische Vorbilder, aber auch darüber, dass die Kultur des Hinsehens offenbar fehlte und man selbst vieles nicht wahrhaben wollte, sagt ein Beobachter und Experte alternativer Bildungsformen im Gespräch mit der FR. Zu lange habe man sich ein idealisiertes Bild von einzelnen Institutionen gemacht.

Auch die jüngere Generation von Forschern konnte sich davon bislang nicht befreien. "Die Reformpädagogik ist eine Art heilige Kuh", sagt Wolfgang Gippert, der sich an der Universität Köln mit historischer Bildungsforschung beschäftigt. Jede schulische Veränderung, sei es das längere gemeinsame Lernen oder die offene Ganztagsschule, speise sich aus Erkenntnissen der Reformpädagogik. Mit ihren blinden Flecken muss sich die Forschung erst noch auseinandersetzen.

Autor:  Yvonne Globert und Katja Irle
Datum:  10 | 3 | 2010
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