"Stündlich ein neuer Anruf", sagt Michael Wildt am Dienstag. "Das Fass ist aufgemacht. Es hört gar nicht mehr auf. Wir haben jetzt schon weit mehr als 50 Fälle." Wildt ist Projektleiter bei der "Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau" in Sachsen, und die stündlichen Anrufe bei ihm handeln von sexuellem Missbrauch, von Gewalt, Schlägen und Demütigungen in DDR-Kinderheimen. Es sind frühere Insassen, die sich melden.
Seit ehemalige Opfer von Missbrauch in westdeutschen Eliteschulen oder Einrichtungen der katholischen Kirche ihr Leid öffentlich machen, melden sich auch Männer und Frauen, die vor 30, 40 Jahren in Kinderheimen in der DDR untergebracht waren und dort Furchtbares erleiden mussten.
"Es geht um jegliche Form von Gewalt", erzählt Michael Wildt. Jungen in der Pubertät hätten sich vor Erzieherinnen ausziehen und waschen müssen. Bettnässer seien gedemütigt und mit den Gesichtern in uringetränkte Laken gedrückt worden. "Man kann sich das alles gar nicht vorstellen." Neben ihm sitzt gerade ein Mann und erzählt seine Geschichte.
Es gab 474 staatliche Kinderheime in der DDR. Berüchtigt waren die sogenannten 38 Spezialkinderheime und 32 Jugendwerkhöfe. Dort wurden Kinder verwahrt, die als verhaltensauffällig galten oder als schwer erziehbar.
Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde der Fall von Heidemarie Puls, die später ein Buch über ihre Leidenszeit geschrieben hat. "Wir waren Freiwild", schrieb sie über die Lage der Jugendlichen im Torgauer Jugendwerkhof. Es habe Misshandlungen und Vergewaltigungen gegeben. Geradezu gefürchtet war der letzte Heimleiter, der mehrfach Mädchen vergewaltigt haben soll und am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, gestorben ist. "Er hatte Glück", sagt Wildt dazu.
Torgau war berüchtigt für seine Brutalität: Wenn Jugendliche nicht "spurten", steckte man sie in den "Fuchsbau", ein 1,30 Meter breites und 1,30 Meter niedriges Verließ. Putzen bis zum Umfallen, Sport bis zur Erschöpfung, Arrest und Demütigungen waren Programm im schlimmsten DDR-Heim. Michael Wildt notiert sich die Fälle, die jetzt nach langer Zeit ans Tageslicht kommen, er hört geduldig zu, macht Mut. Torgau ist der Sammelpunkt für all die traumatischen Geschichten aus den DDR-Heimen. Der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Kolbe und die Gedenkstätte wollen Vertreter an den "Runden Tisch zur Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe und Missbräuche" entsenden, den die Bundesregierung geschaffen hat nach den zahllosen Berichten über Vorfälle in kirchlichen und privaten Schulen in der alten Bundesrepublik.
"Viele haben weit mehr als zwanzig Jahre gebraucht, um endlich über ihre traumatischen Erlebnisse sprechen zu können", berichtet Wildt. Juristisch, meint er, sei in den meisten Fällen nichts mehr zu machen. "Es ist zu lange her, zwanzig Jahre nach Erreichen des 18. Lebensjahres eines Opfers sind die Taten verjährt."