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Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

10. Januar 2013

Missbrauch in der katholischen Kirche: "An ihren Taten werdet ihr sie erkennen"

 Von Harald Biskup
Die Kirche hat ein Kommunikationsproblem: Klärt sie Missbrauch auf oder verschweigt sie Wesentliches?  Foto: dpa

Norbert Denef, der selbst jahrelang missbraucht wurde, ist enttäuscht von der mangelnden Missbrauchsaufklärung in der katholischen Kirche. "Aus Sicht der Betroffenen hat sich nichts verändert", sagt er.

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Herr Denef, wie beurteilen Sie das Scheitern des Forschungsprojekts?

Das hatte sich ja schon abgezeichnet, und ich fühle mich mit meinen Befürchtungen bestätigt. Das Modell konnte auf der Basis einer freiwilligen Selbstverpflichtung der katholischen Kirche einfach nicht funktionieren. Die gemeinsame Unterzeichnung des Vertrags durch den Vertreter der Bischofskonferenz und den Kriminologen Christian Pfeiffer war eine große Aktion für die Presse. Passiert ist danach nichts mehr.

Am Anfang hatte man den Eindruck, dass es von der Amtskirche einen ernsthaften Aufklärungswillen gab.

Der stand auf dem Papier, aber letztlich gilt auch hier der alte Bibelspruch: An ihren Taten werdet ihr sie erkennen. Die katholische Kirche als hierarchisch strukturierte Organisation hätte die Riesenchance gehabt – und sie hat sie immer noch – zu sagen: Wir setzen ein Zeichen und machen den Weg frei, indem wir die von meiner Vereinigung und vielen Opfern seit Langem geforderte Aufhebung von Verjährungsfristen für Sexualstraftaten vorantreiben.

Fehlt es der katholischen Kirche an der wirklichen Bereitschaft zur schonungslosen Offenheit?

Seit drei Jahren wird das Thema öffentlich diskutiert, aber es ist im Grunde nichts passiert. Auch der Runde Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“, bei dem ja Politik und Kirche einen gemeinsamen Weg gegangen sind, hat aus Sicht der Betroffenen komplett versagt. De facto hat sich nichts verändert.

        

Norbert Denef, vom Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt, wurde jahrelang missbraucht.
Norbert Denef, vom Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt, wurde jahrelang missbraucht.
 Foto: dpa/Novopashina

Was halten Sie von der Ankündigung der Kirche, nach dem Bruch mit Christian Pfeiffer einen neuen wissenschaftlichen Partner zu suchen?


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Wir haben den Verdacht, dass die Kirche an einer wirklichen Offenlegung aller Daten nicht interessiert ist und halten den Zensurvorwurf von Professor Pfeiffer für glaubhaft. Wenn man sich jetzt einen anderen Gutachter sucht, der zu Bedingungen arbeiten soll, die von der Kirche diktiert werden, hat das mit wissenschaftlicher Aufarbeitung nichts zu tun. Man kauft sich sozusagen Leute, die das Ergebnis liefern, das man haben möchte. Das nenne ich Manipulation statt Objektivität.

Wie groß ist der Vertrauensverlust durch die Beendung des Projekts?

Da war leider nicht mehr viel zu verlieren, weil es von Anfang an bei sehr vielen Opfern an Vertrauen gegenüber der Institution Kirche gemangelt hat. Die Kirche könnte eine Pionierrolle übernehmen und dadurch sicher viel verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen, wenn sie im Sinne einer Abschaffung der Verjährungsfristen auf den Gesetzgeber einwirken würde. Die Schweiz hat uns gerade vorgemacht, dass in dieser Frage Bewegung möglich ist.

Wie entscheidend ist die finanzielle Wiedergutmachung für die Opfer?

Sehr wichtig, im Wortsinn überlebenswichtig. Aber die von Politik und Kirche vereinbarten Entschädigungssummen für Therapiekosten (die Kirche zahlt pro Fall 5.000 Euro, d.Red.) ist keine angemessene Kompensation, sondern ein Almosen.

Das Gespräch führte Harald Biskup.

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