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Missbrauch in der Kirche: Die Chronik eines Skandals

Die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen Priester häufen sich - die katholische Kirche aber wiegelt ab. Eine Chronik der Ereignisse.

Katholische Würdenträger im Zwielicht.
Katholische Würdenträger im Zwielicht.
Foto: dpa

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) trifft am heutigen Donnerstag mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, zusammen. Kritik der Ministerin am Umgang der Kirche mit Missbrauchsvorwürfen hatte zu Verstimmungen zwischen Ministerium und Bischofskonferenz geführt. An den Gesprächen im Ministerium nimmt auch der Beauftragte der Bischofskonferenz für Missbrauchsfragen, Stephan Ackermann, teil. Wir dokumentieren anlässlich des Treffens in den vergangenen Wochen bekanntgewordene Missbrauchs- und Gewaltfälle in katholischen Einrichtungen und die Reaktion der Kirchenoberen darauf.

28. Januar 2010: Am katholischen Elitegymnasium Canisius-Kolleg in Berlin, das vom Jesuitenorden geführt wird, werden erste Verdachtsfälle bekannt. Zwei frühere Lehrer und Jesuiten-Pater sollen in den 70er und 80er Jahren mindestens 30 Schüler sexuell missbraucht haben.

16. Februar: Der Augsburger Bischof Walter Mixa führt Missbrauch auch auf die zunehmende Enttabuisierung des öffentlichen Lebens zurück, die "abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt". Mixa spricht von "abscheulichen Verbrechen", an denen die "sexuelle Revolution sicher nicht unschuldig" sei.

22. Februar: Im Benediktinerkloster Ettal werden weitere Delikte bekannt. Der Leiter der Klosterschule bestätigt, dass es bereits zwischen 1950 und 1990 Missbrauchsfälle gegeben habe. Die Zahl der insgesamt bislang bekannten Missbrauchsfälle steigt auf 120. Am selben Tag bittet der Vorsitzende der Bischofskonferenz (DBK), Zollitsch, die Opfer öffentlich um Vergebung. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) fordert von der katholischen Kirche eine lückenlose Aufklärung. "Ich erwarte, dass die Verantwortlichen der katholischen Kirche mit den Strafverfolgungsbehörden endlich konstruktiv zusammenarbeiten."

23. Februar: Zollitsch wirft Leutheusser-Schnarrenberger daraufhin vor, sie habe "maßlos gegen die katholischen Kirche polemisiert".

4. März: Der Missbrauchsskandal erreicht die Regensburger Domspatzen. Dem zuständigen Bistum liegen Fälle aus den Jahren 1958 und 1973 vor. Bisher sind in 20 von 27 Bistümern in Deutschland Missbrauchsfälle bekannt.

12. März: Ein Fall wird bekannt, der in die Zeit fällt, als der heutige Papst Benedikt XVI. Erzbischof von München und Freising war. Ein als pädophil aufgefallener Priester wurde damals unter Zustimmung von Joseph Ratzinger in der Gemeindearbeit in Oberbayern eingesetzt. Dort verging er sich erneut an Jugendlichen. Die Erzdiözese räumt Fehler im Umgang mit dieser Personalie in den 80er Jahren ein.

13. März: Der Vatikan wehrt Vorwürfe gegen den Papst ab. "In den letzten Tagen gab es einige, die mit einer gewissen Verbissenheit () nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchsfragen mit hineinzuziehen", sagt Vatikan-Sprecher Federico Lombardi.

15. März: Der Chef der päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Rino Fisichella, verkündet, das Schweigen des Papstes sei "auf die Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit" des Pontifex zurückzuführen, mit der dieser sich ein Bild von der Lage mache.

20. März: Der Papst bedauert in seinem Hirtenbrief an die irische Kirche den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in der katholischen Kirche, äußert sich aber nicht zu den Fällen in Deutschland.

21. März: Zollitsch gibt zu, dass in der Kirche Fälle von Straftaten verschleiert wurden: "Ja, das hat es bei uns gegeben. Seit Jahren jedoch steuern wir den entgegengesetzten Kurs." Zu diesem Zeitpunkt sind bundesweit mehr als 250 Verdachtsfälle meist aus den 50er bis 80er Jahren bekannt.

31. März: Fünf ehemalige Heimkinder erheben Vorwürfe gegen den Augsburger Bischof Walter Mixa. In eidesstattlichen Erklärungen behaupten drei Frauen und zwei Männer, Mixa habe sie in den 70er und 80er Jahren im Kinder- und Jugendhilfezentrum St. Josef im bayerischen Schrobenhausen mehrfach geschlagen.

2. April: Der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, greift die New York Times an. Diese hatte über den Skandal um US-Priester Lawrence Murphy berichtet, der in den 50er und 60er Jahren etwa 200 gehörlose Jungen missbraucht haben soll. Dabei sei der "wichtige Beitrag" von Kardinal Ratzinger unterschlagen worden.

4. April: Der Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, sichert dem Papst die Solidarität der Gläubigen gegen das "unbedeutende Geschwätz dieser Tage" zu.

5. April: Bischof Mixa äußert sich zu den Misshandlungsvorwürfen: "Diese Leute können sich doch gar nicht mehr an mich erinnern." Auch er könne sich nicht mehr an die ehemaligen Heimkinder erinnern, trotzdem bete er für sie.

8. April: Der mexikanische Priester Maciel Marcial Degollado, Gründer des Ordens "Legionäre Christi", soll Dutzende minderjährige Seminaristen vergewaltigt haben. Der Vatikan soll die Vorwürfe lange gekannt, aber über Jahre Untersuchungen abgeblockt haben.

10. April: Neue Vorwürfe gegen den Papst werden laut: Der US-Opferanwalt Jeff Anderson berichtet, Ratzinger habe in den 80er Jahren die Amtsenthebung eines pädophilen Priesters erheblich hinausgezögert. Vatikan-Sprecher Benedettini erklärt, Ratzinger habe nichts vertuscht, sondern die Notwendigkeit ausgedrückt, den Fall "sehr sorgfältig unter Berücksichtigung aller Seiten" zu untersuchen.

12. April: Der Vatikan veröffentlicht eine Zusammenfassung der Richtlinien zum Umgang der Kirche mit Pädophilie. Demnach kann der Papst in gravierenden Fällen Priester auch ohne kirchenrechtliches Verfahren in den Laienstand zurückversetzen.

13. April: Kardinalsekretär Tarcisio Bertone erklärt, Homosexualität sei schuld an den Missbrauchsfällen: "Viele Psychologen und Psychiater haben nachgewiesen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und der Pädophilie gibt, aber viele andere haben gezeigt und mir kürzlich versichert, dass ein Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie besteht." Tags darauf distanziert sich der Vatikan vorsichtig von den Äußerungen.

Zusammengestellt von Tanja Kokoska

Datum:  15 | 4 | 2010
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