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Missbrauch in Odenwaldschule: Ex-Minister weist Vorwurf zurück

War das hessische Kultusministerium früher über den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule informiert als bislang bekannt? Dafür gibt es nach FR-Informationen Hinweise. Doch der damalige Kultusminister Hartmut Holzapfel widerspricht. Von Pitt von Bebenburg

Vermeintliches Idyll: Lageplan der Odenwaldschule.
Vermeintliches Idyll: Lageplan der Odenwaldschule.
Foto: ddp

Der frühere hessische Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD) bestreitet, in seiner Amtszeit von 1991 bis 1999 über Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule informiert worden zu sein. Holzapfel sagte der Frankfurter Rundschau am Mittwoch: "Das ist schlicht unzutreffend."

Der frühere Schulleiter Gerold Becker, der zwölf- bis 14-jährige Schüler sexuell missbraucht haben soll, hatte nach Angaben seines Nachfolgers Wolfgang Harder im August 1998 den damaligen Kultusminister Holzapfel über die Vorwürfe gegen ihn informiert. Als die Taten Ende 1999 durch einen Bericht der Frankfurter Rundschau öffentlich bekannt wurden, schrieb Harder an das Staatliche Schulamt, Becker habe den Minister "in der letzten Augustwoche 1998" unterrichtet.

Hartmut Holzapfel
Hartmut Holzapfel
Foto: FR/Oeser

Holzapfel widersprach. "Sie können sicher sein, dass ich das nicht für mich behalten hätte", sagte er der FR. Er hätte Becker in einem solchen Fall auch sofort von seiner Tätigkeit als Berater des Ministeriums entbunden, fügte Holzapfel hinzu. "Da wäre kein Zweifel gewesen." Diesen Schritt vollzog jedoch erst Holzapfels Nachfolgerin Karin Wolff (CDU) Ende 1999, nachdem die FR berichtet hatte.

SPD-Minister Holzapfel hatte den Pädagogen Becker Anfang der 90er Jahre mit einem Auftrag des Ministeriums ausgestattet. Becker begleitete die Arbeit von vier Modellschulen in Hessen, darunter der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, an der es 1989 ebenfalls Missbrauch gegeben haben soll.

Holzapfel sagt rückblickend: "Herr Becker schien mir damals ein ausgesprochener Glücksfall zu sein." Er sei "eine angesehene Persönlichkeit" gewesen, habe theoretisches Wissen mit praktischer Schulerfahrung verknüpft und zudem die Fähigkeit besessen, "Dinge anschaulich darzustellen". Daher habe Gerold Becker einen Werkvertrag erhalten.

Der Ex-Minister will erst nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 1999 von den Missbrauchsvorwürfen erfahren haben. Er sei damals "wütend" gewesen, "dass so was seit 1998 bekannt war und keiner es für nötig hielt, mich zu informieren", sagte Holzapfel der FR. Er räumte ein, Becker später getroffen und "ihn nicht darauf angesprochen" zu haben. "Mit diesem Ausmaß rechnete niemand", sagte Holzapfel mit Blick auf die inzwischen mehr als acht beschuldigten Lehrer und mindestens 40 bekanntgewordenen Opfer.

Das hessische Kultusministerium geht den neuen Hinweisen auf Schandtaten an der Odenwaldschule nach. Die FR hatte am Mittwoch berichtet, dass dort auch Schüler von Schülern misshandelt worden sein sollen, ohne dass Lehrer eingeschritten seien. So beschrieben mehrere Schüler, wie ein gefesselter Jugendlicher von Mitschülern sexuell missbraucht worden sei. Der verantwortliche Lehrer, der dabei untätig daneben gestanden habe, sei 1992 aus der Schule ausgeschieden, sagte Schulleiterin Margarita Kaufmann. Sie berichtete zudem, dass vier Altschüler nach ihrer Zeit an der Odenwaldschule Suizid begangen hätten. Ex-Schüler berichten, alle vier seien während ihrer Schulzeit Opfer von Missbrauch gewesen.

Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) geht diesen neuen Hinweisen nach. Ihr Sprecher sagte am Mittwoch, das Ministerium habe "das zuständige Staatliche Schulamt angewiesen, einen umfassenden Bericht zu den aktuellen Erkenntnissen vorzulegen".

Mit Skepsis kommentieren derweil Opfer-Organisationen die Forderung, bei Kindesmissbrauch sofort den Staatsanwalt einzuschalten. So hatte der Hessische Landtag in einem einstimmigen Beschluss betont, Kindesmissbrauch dulde "keine rechtsfreien Räume". Der Verein Zartbitter, der Opfer-Beratungsstellen betreibt, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine Verpflichtung zur Strafanzeige "viele Opfer verstummen" lassen könne. Zartbitter beobachte, "dass Opfer von sexuellem Missbrauch in Institutionen besonders große Ängste vor Strafanzeigen" hätten. In diesen Fällen sei "in besonderem Maße auf den Opferschutz zu achten".

Autor:  Pitt von Bebenburg
Datum:  7 | 4 | 2010
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