Die angesehene Pädagogin Enja Riegel, ehemalige Leiterin der Unesco-Projektschule Helene Lange in Wiesbaden, gerät in einem Missbrauchsfall aus dem Jahr 1989 unter Druck. Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) beschuldigt Riegel, ihr damaliges Verhalten zu beschönigen. So gebe es "erhebliche Zweifel" an Riegels Aussage, sie habe die Schulverwaltung über den Missbrauch von vier Schülern durch einen Kunstpädagogen der Helene-Lange-Schule informiert.
"Das ist durch die Aktenlage nicht gedeckt", sagte Henzler am Donnerstag in Wiesbaden. Auch darüber, dass der beschuldigte Lehrer sofort aus dem Unterricht entfernt worden sei und Riegel sowohl das Kollegium als auch die Elternschaft informiert habe, sei nichts aktenkundig. "Von einem entschlossenen und wirksamen Handeln, wie Frau Riegel behauptet, kann nicht die Rede sein", sagte Henzler.
Indirekt drohte sie der inzwischen pensionierten Schulleiterin mit disziplinarischen Maßnahmen und einem Entzug der Ruhebezüge. Ein mögliches Fehlverhalten Riegels sei nicht verjährt, so Henzler. Es bestehe erheblicher Erklärungsbedarf.
Riegel werde in den nächsten Tagen einen ausführlichen Fragenkatalog des Staatlichen Schulamts zum Missbrauchsfall von 1989 erhalten.
Beschuldigte verteidigt sich
Riegel sieht sich zu Unrecht beschuldigt. Sie hatte selbst vor einigen Tagen den Missbrauchsfall öffentlich gemacht. Demnach hat sich der damalige Kunstpädagoge der Schule, Lehrer Hajo W., an vier Jungen vergriffen, die Kinder auf Ausflügen und in der Sauna "befummelt".
Eine 14 Jahre alte Mitschülerin hatte Riegel darauf aufmerksam gemacht. "Ich habe noch am gleichen Tag den Lehrer mit den Vorwürfen konfrontiert", sagte Riegel am Donnerstag der Frankfurter Rundschau. Er habe alles zugegeben. Daraufhin habe sie den Lehrer der Schule verwiesen, im Staatlichen Schulamt angerufen, für den Nachmittag eine Gesamtkonferenz einberufen und für den nächsten Tag eine Sitzung des Elternbeirats angesetzt. "Ich habe sofort alle über die Vorkommnisse informiert", sagt Riegel. Angesichts der Vorwürfe gegen sie werde sie einen ausführlichen Bericht an das Schulamt schreiben, "in dem ich die Zeugen für mein damaliges Verhalten benennen werde", sagte Riegel.
Einer der Zeugen ist Klaus Schwalbenbach, stellvertretender Leiter der Helene-Lange-Schule. Er bestätigte im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau Riegels Aussagen. Das Schulamt habe es damals abgelehnt, gegen Lehrer W. Anzeige zu erstatten. "Die Familien wollten nicht, dass ihre Kinder dazu von der Polizei oder vor Gericht befragt werden", berichtet Riegel. Auch sie habe damals auf eine Anzeige verzichtet. "Heute würde ich das anders machen", sagt sie.
Lehrer kam an weitere Schule
Stattdessen sei W. an das Hessische Institut für Schulentwicklung und Bildungsplanung abgeordnet worden und habe zudem stundenweise in der Lehrerfortbildung gearbeitet. Auch habe W. eine Therapie antreten müssen. Nach einem Auslandsaufenthalt von 1997 bis 2001 kehrte W. in den hessischen Schuldienst zurück. Das Staatliche Schulamt Wiesbaden wies ihm eine Stelle an der Kerschensteiner Berufsschule zu, wo W. mit jungen Erwachsenen arbeitete. 2008 starb er in der Schule an Herzversagen. Von Übergriffen ist an der Kerschensteiner-Schule nichts bekannt. Nicht bekannt war offenbar auch W.s Vorgeschichte. In seiner Personalakte jedenfalls fehlt laut Schulamt jeglicher Hinweis auf die Ereignisse von 1989.
Ganz abgebrochen hatte Riegel den Kontakt mit W. nicht. Dieser sei ein- bis zweimal im Jahr an die Helene-Lange-Schule gekommen, um anlässlich von Schulfesten zu fotografieren, berichtet sie. 1997 veröffentlichte Riegel unter Beteiligung W.s ein Buch über die Helene-Lange-Schule. An dem Buch wirkte auch ein Mann mit, gegen den schwere Missbrauchsvorwürfe erhoben werden: Gerold Becker, der ehemalige Leiter der Odenwaldschule.