Rom. Es sollte alles so schön werden, ein geschichtsträchtiger Besuch vor malerischer Kulisse. Am Samstag reist Papst Benedikt XVI. nach Malta - 1950 Jahre nach dem Apostel Paulus, der der christlichen Überlieferung zufolge im Jahr 60 nach Christus das Christentum auf die Insel brachte. Malta ist bis heute streng katholisch, Scheidung und Abtreibung sind verboten, und als Johannes Paul II. die Insel 2001 besuchte, kam es zum größten Menschenauflauf in deren Geschichte. Benedikt aber kann nicht nur mit Jubelgesängen rechnen.
Auch auf Malta ist die Kirche in Missbrauchsskandale verstrickt, Opfer sexueller Übergriffe von Priestern fordern ein Treffen mit dem Oberhaupt der Katholiken. Seitdem in der Vorwoche Unbekannte Plakate des Papstes mit Hitler-Schnurrbart und dem Wort "Pädophiler" beschmiert hatten, wächst in Rom die Sorge vor Zwischenfällen.
Als Wortführer der Missbrauchsopfer gilt der heute 37-jährige Lawrence Grech, der als Kind in einem katholischen Waisenhaus regelmäßig missbraucht wurde. Unter Tränen schilderten einige andere Opfer öffentlich, was ihnen dort in den 80er Jahren angetan wurde. Grech und neun weitere Männer führen seit sieben Jahren einen Prozess gegen drei Geistliche. Er hat den Papst aufgefordert, sich zu entschuldigen.
Offiziell geplant ist ein solches Treffen nicht. Das Programm sei sehr dicht, sagte Papst-Sprecher Federico Lombardi. Auf Nachfrage wollte er es nicht ganz ausschließen und bekräftigte die Bereitschaft des Papstes, weitere Missbrauchsopfer zu treffen. "Das muss aber mit Andacht und Reflexion und nicht unter dem Druck der Medien geschehen."
In der römischen Kurie ist mit Charles Scicluna ausgerechnet ein Malteser zuständig für die Strafverfolgung in Missbrauchsfällen. Nach Angaben der Kirche wurden auf Malta innerhalb der vergangenen zehn Jahre gegen 45 von insgesamt 850 Priestern Vorwürfe laut, sich an Minderjährigen vergangen zu haben. In der Regel wurden sie nur kirchenintern verfolgt. Es ist nicht bekannt, wie viele ihres Amtes entbunden wurden. Lawrence Grech fürchtet, selbst wenn es zu einem weltlichen Verfahren kommen sollte, gebe es wohl kein großes Interesse an der Wahrheit: Der Prozess finde hinter verschlossenen Türen statt und konzentriere sich bisher auf einen der Angeklagten. Das Gericht habe verfügt, dass die Prozessakten nicht veröffentlicht werden dürften.
Kardinal gibt Schwulen Schuld
Unterdessen gießt Kardinalsekretär Tarcisio Bertone Öl ins Feuer. Der Mann, der als rechte Hand des Papstes gilt, behauptete auf einer Chile-Reise, nicht das Eheverbot für Priester, sondern die Homosexualität sei Schuld an den Missbrauchsfällen. "Viele Psychologen und Psychiater haben nachgewiesen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und der Pädophilie gibt, aber viele andere haben gezeigt und mir kürzlich versichert, dass ein Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie besteht. Das ist die Wahrheit und das ist das Problem", wurde Bertone von der Online-Ausgabe eines chilenischen Radiosenders zitiert. (mit dpa)