Rom. Trotz strömenden Regens feierten Zehntausende von Gläubigen am Ostersonntag mit dem Papst in Rom die Ostermesse. Zu den aktuellen Skandalen aber äußerte sich das Oberhaupt der Katholiken nicht. Benedikt XVI. mahnte zwar "eine geistige und moralische Umkehr" an und erwähnte einige politische Konflikte auf der Welt, ging aber mit keinem Wort auf die Fälle von sexuellem Missbrauch seitens katholischer Priester ein, ehe er schließlich den Ostersegen "Urbi et Orbi" erteilte.
Umso ungewöhnlicher war es, dass einer der einflussreichsten Kardinäle in Rom, der Dekan des Kardinalskollegiums, zu Beginn der Messe das Wort ergriff und den Papst der rückhaltlosen Unterstützung versicherte. Vom "unbedeutenden Geschwätz dieser Tage" würden sich die Gläubigen nicht beeinflussen lassen, sagte Kardinal Angelo Sodano. "Die Kirche ist mit dir", versicherte der 82-Jährige dem Papst - und das gelte nicht nur für Kardinäle und Bischöfe auf aller Welt, sondern vor allem für die 400.000 Priester, die im Dienst der Kirche stünden. Der Papst sei "der makellose Fels der heiligen Kirche Christi".
Diese Abweichung vom strengen Ritus der Osterfeierlichkeiten zeigt einmal mehr, wie sehr sich der Vatikan - aus seiner Perspektive noch immer völlig zu Unrecht - unter Druck gesetzt fühlt. Die scharfe Kritik am Schweigen Benedikts, die vor allem aus Deutschland laut wurde, hält man in Rom für ungerechtfertigt, da er sich doch in dem Hirtenbrief an die irischen Katholiken eindeutig geäußert habe.
Kampagne beklagt
Auch sein Sprecher, der Jesuitenpater Federico Lombardi, hat den Unmut gegen den Papst mehrmals als Kampagne in den Medien verurteilt - auch dann noch, als dem früheren Kardinal Joseph Ratzinger vorgeworfen wurde, bei ihm bekannten Fällen von sexuellen Übergriffen in den USA und in Deutschland nicht gehandelt zu haben. Die Vatikan-Zeitung Osservatore Romano sah den Papst am Karsamstag ebenfalls als Opfer einer "verabscheuenswerten Kampagne" und druckte eine Sammlung von Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Welt. Außerhalb Italiens löste die Intervention Sodanos scharfe Reaktionen aus, vor allem in den USA und Großbritannien.
Zu einer Beruhigung der Diskussion trug auch nicht gerade bei, dass sich der Hausprediger des Papstes, Raniero Cantalamessa, am Karfreitag sehr unglücklich zu den Missbrauchsskandalen geäußert hatte. Der Kapuzinermönch, der zu den meistgelesenen Theologen Italiens gehört, zitierte in einer Messe im Petersdom - in Anwesenheit des Papstes - den Brief eines jüdischen Freundes. Darin zeigte sich dieser "angeekelt" über die Angriffe auf Papst und Kirche. Wörtlich schrieb der namentlich nicht Genannte, den Cantalamessa als Kronzeugen bemühte: "Der Gebrauch von Stereotypen, der Übergang von der persönlichen Verantwortung und Schuld zu einer Kollektivschuld rufen mir die schändlichsten Aspekte des Antisemitismus in Erinnerung." Nach Protesten musste sich Cantalamessa für den Vergleich entschuldigen.
Bestürzt über die "schrecklichen" Missbrauchsfälle zeigte sich dagegen der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. In einem Osterschreiben sicherte er zu, dass alle Fälle aufgeklärt würden, warnte aber vor einem "Generalverdacht". Er forderte einen "Neuanfang" in der katholischen Kirche.