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Missbrauch und Zölibat: "Bessere Auswahl künftiger Priester nötig"

Die zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester haben die aggressive Ablehnung des Zölibats verstärkt. Klaus Baumann, katholischer Priester, sieht den Zölibat nicht als Magneten für Sexualgestörte.

Menschliche Beziehungen und Sexualität gehören als Themen verstärkt in die  Priesterausbildung.
Menschliche Beziehungen und Sexualität gehören als Themen verstärkt in die Priesterausbildung.
Foto: blickwinkel

Die zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester haben die aggressive Ablehnung des Zölibats erheblich verstärkt. Will die römisch-katholische Kirche weiter am Zölibat festhalten, muss sie das ihr Mögliche tun, dass er deutlich und unverkrampft auf Gott verweist. Von Gott allein her hat der Zölibat Sinn. Das müssen nicht alle verstehen. Die christlichen Traditionen sind einhellig überzeugt, dass Jesus selbst so lebte. Er sagte dazu prägnant (Matthäus 19, 12): "Wer das fassen kann, der fasse es." Der Zölibat soll auch heute stören; denn in ihm wird radikal konkret, dass der unfassbare Gott aufs Persönlichste etwas mit uns Menschen zu tun haben will.

Nichts davon in den Missbrauchsfällen. Darin wurde der Zölibat auf empörende Weise entstellt. Priester haben das in sie gesetzte, auch religiös gegründete Vertrauen der Opfer verraten. Der defensive Hinweis, pädophile Vergehen seien im Klerus weitaus seltener als im Rest der Bevölkerung und kämen auch bei Lehrern vor, darf nicht ablenken von diesem lebenswichtigen Aspekt für die Kirche selbst. Wo Personalverantwortliche diese Verbrechen an Kindern zu vertuschen versuchten, verletzten sie ihre ebenfalls religiös begründete Sorgepflicht.

Klaus Baumann, katholischer Priester, sieht den Zölibat nicht als Magneten für Sexualgestörte.
Klaus Baumann, katholischer Priester, sieht den Zölibat nicht als Magneten für Sexualgestörte.
Foto: privat

Die öffentliche Empörung zeigt, wie viel vom Wesen priesterlicher Aufgaben intuitiv auch in der heutigen Gesellschaft verstanden wird - selbst in der heftigen Pauschalkritik am Zölibat. Sie ist nicht nur Empörung über schwere moralische Fehltritte von Moralpredigern; sie zeigt die Enttäuschung darüber, dass Priester nicht dem Heiligen gedient, sondern religiöse Autorität pervers benutzt haben. Sie haben für das Heilige offene Kinderseelen, die ihnen heilig hätten sein müssen, tief verletzt. Noch im Negativen ist die Erwartung erkennbar, dass Priester für ihre Mitmenschen in ihrer Begegnung mit Gott als Brücke dienen sollten, nicht als Hindernis oder gar "Seelenmörder".

In diesem höchst emotional besetzten Feld ist es nicht leicht, wie der Beitrag des Psychoanalytikers Micha Hilgers in der Frankfurter Rundschau vom 1. April 2010 zeigt, klar zu analysieren und pauschal entwertende Angriffe zu unterlassen. Es gilt hier, dreierlei zu unterscheiden: Den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester, dessen Vertuschung und die völlig unzureichende Sorge für die Opfer und die Frage nach Sinn und Lebbarkeit des priesterlichen Zölibats auch im 21. Jahrhundert.

Papst drückt Mitgefühl mit Missbrauchsopfern aus

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Hilgers verdammt den Zölibat als Magnet für Sexualgestörte und krankmachendes System. Besser als pauschale Polemik sind empirische Tatsachen. Verlässliche Zahlen über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester liegen für Deutschland noch nicht vor. Die Studien des renommierten John Jay College of Criminal Justice, New York, aus den Jahren 2004 und 2006 über den sexuellen Missbrauch durch Priester und Diakone in den USA zwischen 1950 und 2002 liefern belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse.

Von etwa 110.000 Priestern wurde dort fast 4400 Priestern - das sind vier Prozent - sexueller Missbrauch an knapp 11.000 minderjährigen Opfern vorgeworfen, meist in den 1960/70er Jahren. Die Hälfte der Opfer waren im Alter der frühen Geschlechtsreife zwischen elf und 14 Jahren; mehr als ein Viertel zwischen 15 und 17, knapp ein Viertel waren Jungen und Mädchen unter elf Jahren.

Transparenz und Offenheit

In letzteren Fällen handelte es sich somit um pädosexuelle Handlungen im engeren Sinn, in denen die Täter möglicherweise eine bislang nicht heilbare pädophile Störung hatten. Auch in den übrigen Fällen von Übergriffen auf (früh-) pubertäre Kinder und Jugendliche bis 17 ist mit psychosexuellen Entwicklungsstörungen bei den Tätern zu rechnen, für die der Zölibat ein bewusster oder unbewusster Versuch der Bewältigung war. Auffällig ist der erheblich höhere Anteil der Übergriffe auf männliche Opfer (vier von fünf), während in der übrigen Bevölkerung heterosexuelle Missbrauchstaten überwiegen.

Die US-Daten sind zwar nicht einfach für Deutschland zu übernehmen; es sind jedoch die sichersten weltweit. Auch vier Prozent sind schlimm, jeder Fall ist zu viel. Da gibt es nichts zu beschönigen, trotz sehr unterschiedlicher Täterprofile. Von vier Prozent oder von dramatischen Einzelfällen jedoch auf alle übrigen zu schließen, ist unhaltbar. Hilgers´ Behauptung, dass die meisten Zölibatären keine "erwachsene Sexualität" entwickelt haben, entbehrt der belastbaren Grundlagen und wirkt wie eine "wilde Psychoanalyse", die aus fachlicher Sicht eher ihm selbst schadet.

Dennoch zwingt er den Blick auf die wirklichen Gründe. Die Missbrauchsskandale zwingen die Kirche(n) dazu, endlich den naiven bis verantwortungslosen Umgang mit den Tätern aufzugeben und zuerst den Opfern möglichst gerecht zu werden: durch Transparenz und Offenheit darüber, was geschehen ist, ohne die Opfer noch mehr zu verletzen; durch authentisches Mitgefühl und echtes Sorgen für die Opfer; Gerechtigkeit in der Kirche und mit den Behörden; therapeutischer Beistand. Die Zeichen dafür stehen gut. Barmherzigkeit für Täter sollte in der Strafverfolgung ohne Vorverurteilung bestehen, in Therapie, beruflicher Umorientierung und Suizidprävention.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, die Lebbarkeit des Zölibats.

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Autor:  Klaus Baumann
Datum:  20 | 4 | 2010
Seiten:  1 2
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