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Missbrauch: Wir wollen nicht wissen

Jürgen Bartsch, das Ehepaar Dutroux in Belgien, die Skandale in Irland: Es fehlt uns seit Jahrzehnten nicht an Informationen über Missbrauchsfälle - wohl aber an Empathie. Von Arno Widmann

Protest gegen Missbrauch durch katholische Geistliche in Kanada.
Protest gegen Missbrauch durch katholische Geistliche in Kanada.
Foto: Reuters

In der Redaktion der Frankfurter Rundschau wird jetzt oft gefragt: Warum haben wir 1999, als wir den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule thematisierten, sobald aufgegeben? Hatten wir Angst vor Beifall von der falschen Seite? Erschien es uns also als inopportun, der Reformpädagogik in den Rücken zu fallen? Oder nahmen wir sexuelle Gewalt gegenüber Jugendlichen nicht ernst genug? Oder ließen wir nach, weil andere Themen nach vorne drängten?

Ähnliche Fragen müssten wir uns freilich alle stellen. Mit Erschrecken verfolgen wir die immer neuen Enthüllungen. "Unvorstellbar" heißt es immer wieder. Dabei ist nichts neu von dem, was jetzt bekannt wird. Alle paar Jahre lesen wir von denselben Geschichten, und jedes Mal sind wir überrascht. Die erste Spiegel-Titelseite zum Thema erschien am 10. November 1965. Es war der Fall Jürgen Bartsch.

Am 20. Juni 1994 titelte das Magazin neben der Kinderzeichnung eines Strichmännchens mit Riesenpenis: "Jeder Mann ein Kinderschänder?" Es ging um die Frage der Missbrauchssuggestion, darum also, dass verhörte Kinder das erzählen, von dem sie glauben, dass sie es erzählen sollen.

Von 1996 an beschäftigte uns über Monate, ja Jahre der Fall Dutroux und mit ihm das belgische Kindermissbrauchs-Milieu. Wir aber tun so, als hätten wir das alles nicht verfolgt, als hätte uns nicht schon damals dieses Grauen gepackt, dieses Wissen davon, dass es keinen sicheren Ort gibt, niemanden, dem man vorbehaltlos vertrauen könnte.

Der Belgier Marcel Vervlosen, der 1998 einen weltweit agierenden Kinderpornoring aufdeckte, wurde 2006 verurteilt, weil er selbst Minderjährige missbraucht hatte. Der amerikanische Priester James Porter missbrauchte über Jahrzehnte wahrscheinlich Hunderte Jungen und Mädchen. Seine Co-Patres sahen zu, die Kirchenleitung weg. Bis ein Opfer begann, die Sache öffentlich zu machen. Immer mehr Opfer meldeten sich, und immer mehr Täter wurden bekannt. Die katholische Kirche der USA stand am Pranger. Für ein paar Monate. Dann hatten wir wieder andere Themen.

Im Mai des vergangenen Jahres hörten wir, dass Tausende von irischen Kindern in Heimen der katholischen Kirche missbraucht worden sein sollen. Und gestern lasen wir, dass der Vorsitzende der irischen Bischofskonferenz, Kardinal Sean Brady, seinen Rücktritt ablehnt. Brady soll 1975 - er war noch einfacher Priester - anwesend gewesen sein, als zwei von einem Geistlichen missbrauchte Jugendliche dazu gebracht wurden, ein Schweigegelübde abzulegen. Kardinal Brady - so meldet dpa - erklärte, er sei damals Anweisungen der Kirche gefolgt, und es habe keine Richtlinien für solche Untersuchungen gegeben.

Die Rolle, die der Gehorsam in der Kirche spielt, ist uns nicht neu. Dass die Kirche keine Organisation ist, der es um die Autonomie des Einzelnen geht, ist kein Geheimnis. Dass sie sich außerhalb des Staates, ja über ihn stellt, ist ihr Daseinsgrund. Man darf gespannt sein, wie der Papst in seiner angekündigten Stellungnahme zu den Fällen sexueller Gewalt Stellung beziehen wird. Er wird es nicht verstehen, aber mit ein paar beruhigenden Worten wird es diesmal nicht getan sein.

Das Angelus-Gebet vergangenen Sonntag, so meldeten Agenturen, habe keine Äußerung zum Kindesmissbrauch gebracht. Das ist richtig. Aber was soll man von diesen Sätzen in diesen Tagen halten: "Nur wer Verzeihung übt, sich von einer uneigennützigen Liebe, die größer ist als unser Elend, aber auch größer als unsere Justiz, geliebt weiß, wird zu einer wirklich kindlichen und freien Beziehung mit Gott finden."

Irene Epple, ehemalige Top-Skiläuferin, promovierte Ärztin und seit 1994 Gattin von Theo Waigel, veröffentlichte 1997 den Augsburger Aufruf, ein Manifest gegen Kindesmissbrauch, gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder. Es fehlt uns nicht an Informationen, nicht an Schilderungen von bewegenden Einzelfällen, nicht an Statistiken. Es fehlt uns an Empathie.

Das ist eine Feststellung, kein Vorwurf. Wir lassen uns zum zehnten Mal erklären, warum Menschen traumatische Erfahrungen abkapseln. Wir haben immer noch nicht verstanden, dass wir es mit den Berichten von traumatischen Erfahrungen genauso machen. Sie erreichen und bewegen uns. Dann spinnen wir sie ein, bilden einen Kokon um sie und legen sie irgendwo ab, wo wir nicht wieder auf sie stoßen.

So können wir vergessen, dass die Orte, an denen mehr oder weniger hilflose Kinder und zu großen Autoritäten - Priester, Lehrer, Erzieher, Eltern - aufgeblasene Erwachsene aufeinander treffen, Weidegrund sind für Gewalttäter. Wir können dort sorglos sein, wo wir besonders sorgfältig beobachten, kontrollieren müssten.

Wir vergessen aber auch, dass nicht alle Erinnerungen stimmen. So können wir uns leichter ein Bild machen. Wir werfen gerne weg, was wir wussten. Die Zeitungsleute tun das, weil sie glauben, sie müssten immer Neues bringen, statt uns das Schrecklich-Vertraute in Erinnerung zu rufen. Wir alle tun es, weil wir wissen, wir müssten unser Leben ändern, wenn wir unser Wissen ernst nähmen. Davor aber haben wir mindestens so viel Angst wie vor diesem Wissen selbst.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  17 | 3 | 2010
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