Rom. Es sollte ursprünglich ein Routinebesuch werden. Doch wenn Papst Benedikt XVI. heute den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, empfängt, wird vor allem ein Thema im Mittelpunkt stehen: Die vielen Fälle von sexuellem Missbrauch in katholischen Einrichtungen in Deutschland, zu denen Zollitsch selbst lange geschwiegen hat. Dass dadurch der Eindruck entstand, er wolle die Sache einfach aussitzen, sehen auch manche im Vatikan mit Unbehagen: Wie die Kirche die Skandale in den USA und Irland und jetzt auch in Deutschland, den Niederlanden und Österreich handhabt, ist ein zentrales Thema des Pontifikats von Benedikt geworden.
Gegen die Vorwürfe von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), der Vatikan habe die Aufklärung der Übergriffe behindert, wehrt man sich in Rom entschieden. Die Kirche habe prompt und transparent reagiert, sagt der Sprecher des Papstes, der Jesuitenpater Federico Lombardi.
Gleichzeitig dringt der Vatikan darauf, dass alle Vorwürfe in Deutschland rasch aufgeklärt werden. Denn in Rom ist man nervös. Seitdem auch bei den Regensburger Domspatzen und im Kloster Ettal Missbrauchsfälle bekannt wurden, ist der Skandal im fernen Deutschland dem Apostolischen Palast gefährlich nahe gerückt. Der Papst-Bruder Georg Ratzinger war in Regensburg Domkapellmeister.
Die Landesmedien hatten damit ihre Schlagzeilen - während sich vatikanische Zeitungen wieder einmal schwertaten, rasch zu reagieren. Am Donnerstag aber veröffentlichte der Osservatore Romano einen Leitartikel, der es in sich hat. Ein Grund für die Missbrauchsskandale sei auch, dass Frauen von kirchlichen Führungspositionen ausgeschlossen seien, schreibt dort die bekannte Römer Historikerin Lucetta Scaraffia. Sie hätten womöglich den "Vorhang männlicher Verschwiegenheit" zerrissen.
Schon am vergangenen Wochenende hatte einer, dessen Wort gewichtig ist, über die linksliberale Tageszeitung La Repubblica in die Debatte eingegriffen. "Es reicht. In unserer Kirche muss aufgeräumt werden", sagte Kurienkardinal Walter Kasper. Voraussichtlich noch in diesem Monat wird er auch einen Hirtenbrief zu dem heiklen Thema schreiben, nachdem er schon im Februar die irischen Bischöfe nach Rom zitiert hatte.
Weil die Kirche in Irland nicht nur im Verdacht steht, geschwiegen, sondern Übergriffe von Geistlichen an Tausenden von Kindern vertuscht zu haben, sah sich der Papst gezwungen, vom üblichen Vorgehen abzuweichen. Es sieht vor, dass zunächst kirchenintern die zuständigen Bistümer alle Vorwürfe aufklären und dann nach Rom berichten. Nur in gravierenden Fällen greift Rom ein. Diese Regelung war 2001 unter Papst Johannes Paul II. erlassen worden - der damalige Präfekt der Glaubenskongregation war Joseph Ratzinger.
In Irland fordern Betroffene ein Treffen mit dem neuen Papst. Doch bei seiner Reise nach Großbritannien im Herbst steht ein solches Treffen nicht an. Ein Besuch in Dublin ist nicht vorgesehen.