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Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

08. Januar 2013

Missbrauchs-Studie katholische Kirche: Pfeiffer kündigt eigene Untersuchung an

Der Kriminologe Christian Pfeiffer wirft der katholischen Kirche "Zensur" vor.  Foto: imago stock&people

Kriminologe Christian Pfeiffer erhebt schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche und kündigt an, eine eigene Untersuchung zu kirchlichem Missbrauch zu erstellen. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger fordert von der Kirche Aufklärung.

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Kriminologe Christian Pfeiffer erhebt schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche und kündigt an, eine eigene Untersuchung zu kirchlichem Missbrauch zu erstellen. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger fordert von der Kirche Aufklärung.

Das Forschungsprojekt zur Untersuchung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ist vorerst gescheitert. Wie die Deutsche Bischofskonferenz am Mittwochmorgen erklärte, wurde der Vertrag mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) „aus wichtigem Grund mit sofortiger Wirkung“ gekündigt. Die Kirche suche nun einen „anderen Vertragspartner“ für die Fortsetzung des Projekts.

Die „Süddeutsche Zeitung“ zitierte in ihrer Mittwochsausgabe den Direktor des KFN, Christian Pfeiffer, der schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche erhob. Das Projekt sei „an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert“. Entgegen der ursprünglichen Vereinbarung habe die Kirche darauf beharrt, über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowie über die Auswahl der beteiligten Mitarbeiter mitbestimmen zu dürfen.

Interviews mit Opfern und Tätern geplant

Die Missbrauchsstudie

Zu den Zielen der Missbrauchsstudie zählte es, Täterprofile und Rahmenbedingungen aufzuklären, Erkenntnisse über das Verhalten der Kirche zu gewinnen und in letzter Konsequenz die Prävention zu verbessern.

Für die Studie sollten in 9 ausgewählten Bistümern alle relevanten Unterlagen von 1945 bis 2010, in den anderen 18 Bistümern die Akten von 2000 bis 2010 ausgewertet werden. Insgesamt läuft das allein auf mehr als 100 000 Personalakten hinaus.

Bei der Erhebung der Daten sollten die Wissenschaftler aus daten- und personenschutzrechtlichen Gründen keinen direkter Einblick in Personalakten bekommen. Die Daten sollten vielmehr von kirchlichen Archivmitarbeitern und geschulten Juristen - etwa ehemaligen Richtern oder Staatsanwälten - erhoben und dann dem KFN zur Auswertung übermittelt werden. Das KFN wollte auch Opfer wie Täter befragen - ähnlich wie bei einer anderen Studie, bei der es um Missbrauchsopfer in Deutschland generell ging. (dpa)

Der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und das Forschungsinstitut hatten im Juli 2011 das Projekt vertraglich vereinbart. Laut KFN war es als weltweit umfassendste Untersuchung zu dem Thema angelegt. Akten aller Diözesen sollten teilweise seit Kriegsende auf Missbrauchsfälle untersucht und sämtliche Opfer schriftlich befragt werden. Zudem waren Interviews mit Opfern und Tätern geplant.

Der Zeitung zufolge forderte der VDD Änderungen an den Vereinbarungen, wonach die Kirche letztlich darüber hätte bestimmen können, ob die Ergebnisse veröffentlicht oder nie bekannt werden. Pfeiffer sagte am Mittwoch im ZDF-„Morgenmagazin“, dies sei für einen Doktoranden „inakzeptabel“. Er rief die mutmaßlichen Missbrauchsopfer zudem auf, sich nun freiwillig zu melden, um das Projekt fortführen zu können. Dazu sollten entsprechende Fragebögen verschickt werden.

Die Bischofskonferenz sprach von einem „zerrütteten“ Vertrauensverhältnis zwischen Pfeiffer und den deutschen Bischöfen. Dessen Kommunikationsverhalten gegenüber der Kirche habe eine „weitere konstruktive Zusammenarbeit“ verhindert.

Unterdessen kündigt Christian Pfeiffer im Gespräch mit der dpa an, eine eigene Untersuchung zu kirchlichem Missbrauch zu erstellen. Er rief alle kirchlichen Missbrauchsopfer auf, für eine anonyme Befragung mit dem Forschungsinstitut Kontakt aufzunehmen. Nachdem das KFN bereits für eine andere Studie 500 Opfer von Missbrauch durch unterschiedlichste Täter untersucht habe, sollten diese Ergebnisse nun mit denen von 500 Opfern kirchlichen Missbrauchs verglichen werden.

Justizministerin fordert Aufklärung

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) fordert Aufklärung von der katholischen Kirche. „Der Vorwurf, Zensur und Kontrollwünsche behinderten eine unabhängige Aufarbeitung, sollte durch den Vorsitzenden der Bischofskonferenz schnell aus der Welt geschafft werden“, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“. „Es ist ein notwendiger und überfälliger Schritt, dass sich die katholische Kirche öffnet und erstmals kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Kirchenarchiven ermöglicht. Die dramatischen Erschütterungen des Jahres 2010 dürfen nicht in einer halbherzigen Aufarbeitung versickern.“ (afp/dpa)

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