Erst die Odenwaldschule, dann Salem, jetzt Schondorf: Der Skandal um sexuellen Missbrauch von Schülern wird immer mehr zu einem Skandal der deutschen Landerziehungsheime. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau hat es auch im Landheim Schondorf am Ammersee sexuelle Übergriffe durch einen Pädagogen gegeben. Das bestätigte der ehemalige Internats-Leiter Rolf Mantler am Mittwoch der FR.
Im Jahr 1994, so Mantler, hätten sich Eltern eines Schülers an ihn gewandt, weil sie eine gravierende "Wesensveränderung" ihres Sohnes bemerkt hätten. Diese stehe in Zusammenhang mit dem "Hauserwachsenen" des Schülers, einem Lehrer für Deutsch und Religion. Nach intensiven Gesprächen, erklärte Mantler, habe der "begründbare dringende Verdacht" bestanden, dass der Schüler von dem Pädagogen sexuell missbraucht worden sei. Der Lehrer sei daraufhin sofort entlassen worden. Andere vergleichbare Übergriffe habe es in seiner Amtszeit nicht gegeben, so Mantler.
Salem um Aufklärung bemüht
Das Elite-Internat Schloss Salem am Bodensee bestätigte derweil Angaben seines früheren Leiters Bernhard Bueb, wonach es in der Vergangenheit mehrere sexuelle Übergriffe von Lehrkräften gegen Heranwachsende gegeben habe. Die genaue Zahl der Fälle stehe noch nicht fest, sagte Internats-Sprecher Michael Meister der FR. Aufschluss erhoffe sich die Schule durch einen Brief an alle ehemaligen und aktuellen Schüler, der am Mittwoch versandt wurde. "Was wir überhaupt nicht gebrauchen können, ist eine wie auch immer geartete Grauzone", so Meister.
Klar ist schon jetzt, dass ein Lehrer vor etwa fünf Jahren versuchte, einen Siebtklässler sexuell zu missbrauchen. Gegen den Pädagogen wurde seinerzeit Strafanzeige erstattet, später wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Meister berichtete auch von einem Lehrer, der Schüler beim Duschen beobachtet haben soll, und von einer Lehrerin, die sich an einen Schüler "herangemacht" habe. Beide Kollegen seien umgehend entlassen worden. Zudem gebe es "noch andere Fälle, die weit unter dem justiziablen Maß liegen". In allen bekanntgewordenen Fällen habe die Schulleitung sofort reagiert.
Krisensitzung der Heimleiter
In Salem werde nun aktuell über weitere Schutzmaßnahmen für Kinder nachgedacht. So erwäge man beispielsweise eine "Rights-of-Children-Charta". Klar sei aber auch, sagt Meister: "Es ist eine Kunst, das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu wahren. Manche scheitern daran."
Die in der Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime zusammengeschlossenen Internats-Leiter wollen am heutigen Donnerstag in Frankfurt am Main über den sich ausweitenden Missbrauchskandal beraten. Zu der Vereinigung gehören 21 Internate, darunter die Odenwaldschule, Schloss Salem und das Landheim Schondorf. Sexuelle Übergriffe durch Lehrer seien Ausdruck einer "Beziehungsunkultur", sagte Verbandsleiterin Erika Risse der FR. Sie erwarte nun "absolute Aufklärung".
Zugleich wies Risse jede Verantwortung des Verbandes weit von sich. "Jedes Internat ist absolut autonom. Wir sind kein Kontroll- oder Aufsichtsgremium." Sie werde sich daher auch aus der Diskussion um personelle Konsequenzen an der Odenwaldschule (OSO) heraushalten. Grundsätzlich habe sie aber "absolut" den Eindruck, dass dort ausreichend Aufklärung betrieben werde.
Den Eindruck teilt nicht jeder: Altschüler und Ex-Lehrer der OSO wollen am 27. März im Odenwald gegen den Schulvorstand demonstrieren. Dieser trifft sich an dem Tag mit dem Trägerverein zu einer Krisensitzung. Ob es dabei zu Neuwahlen des obersten OSO-Gremiums kommen wird, ist fraglich. Mit der Demonstration wollen die Altschüler den Vorstand zum Rücktritt zwingen.