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Sexueller Missbrauch
Katholische Kirche und Reformpädagogik im Zwielicht

09. Januar 2013

Missbrauchsskandal: Druck auf die Odenwaldschule

 Von Pitt von Bebenburg
Opfer aus der Odenwaldschule mahnen. Foto: dpa/Arne Dedert

Ohne Druck von außen geht gar nichts voran an der Odenwaldschule. Das Reform-Internat muss sich endlich der Verantwortung für die Vergangenheit stellen.

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Die jüngste Einigung über finanzielle Zahlungen an Opfer sexueller Gewalt wäre nie zustande gekommen, wenn der Abgeordnete Marcus Bocklet nicht konsequent der Petition einer Ex-Schülerin nachgegangen wäre. Die Verständigung ist ein wichtiger Schritt. Aber längst nicht der letzte.

Selbst die katholische Kirche scheint sich leichter als manche Pädagogen von der Odenwaldschule damit zu tun, einen versöhnenden Schritt auf die Opfer zuzugehen. Der Wunsch, endlich wieder als gute Schule von heute wahrgenommen zu werden, klingt verständlich. Er kann sich aber nur erfüllen, wenn sich das Reform-Internat der Verantwortung für die Vergangenheit stellt.

In dieser Hinsicht bringt die Einigung mit dem Opferverein „Glasbrechen“ die Schule einen wichtigen Schritt voran. Aber auch die Betroffenen profitieren. Nun muss der nächste, längst überfällige Schritt folgen: die Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Dabei kann es nicht nur um die sexuellen Gewalt von früher gehen. Auch die Jahre der institutionellen Verdrängung, seit der Berichterstattung erstmals 1999, muss endlich ans Licht geholt werden. Dazu müssen sich alle Verantwortlichen bekennen – auch diejenigen, die damals schon eingebunden waren. Es ist höchste Zeit.

Entschädigungszahlungen sollen alle Opfer erreichen

Der Trägerverein der Odenwaldschule bekennt sich dazu, möglichst alle Opfer sexueller Gewalt an der Schule zu entschädigen. Dabei gehe es ausdrücklich auch um jene Betroffenen, welche die Stiftung „Brücken bauen“ nicht akzeptierten, sagte der Vorstandsvorsitzende des Trägervereins, Gerhard Herbert, dieser Zeitung am Dienstag. Die Stiftung war eingerichtet und mit bisher 456.000 Euro ausgestattet worden, um Entschädigungszahlungen abzuwickeln.

„Wir wollen alle erreichen“, sagte Herbert, der früher Bürgermeister von Heppenheim war. Mit der Einigung auf eine zusätzliche Zahlung an den Opferverein „Glasbrechen“ wolle man auf diesem Weg weiterkommen. An der Odenwaldschule waren von den 60ern- bis in die 90er-Jahre mehr als 130 Kinder und Jugendliche vom früheren Schulleiter Gerold Becker und anderen Lehrern sexuell missbraucht worden.

Die Verständigung über eine Zahlung von 50.000 Euro an „Glasbrechen“ war zwischen Vertretern dieses Opfervereins, des Schul-Trägervereins und des Altschülervereins getroffen worden. Den Anstoß zu der Verständigung hatte der hessische Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet (Grüne) gegeben, der die Beteiligten an einen Tisch brachte.

Mitgliederversammlung am Wochenende

Die Einigung tritt erst in Kraft, wenn die Gremien aller drei Vereine zugestimmt haben. Herbert sagte, er rechne mit der Zustimmung von Schul-Trägerverein und Altschülerverein.

Der „Glasbrechen“-Vorsitzende Adrian Koerfer sagte dieser Zeitung, er wolle einer Entscheidung der Mitgliederversammlung am Wochenende nicht vorgreifen. „Wir sind demokratisch.“ Man werde sicher darüber diskutieren, ob die Höhe der Zahlung von 50.000 Euro ausreiche. Koerfer betonte zugleich, wie wichtig das Gespräch zwischen Schule und Opferverein gewesen sei. Neben der Zahlung von 50.000 Euro sieht die Einigung der Arbeitsgruppe weitere Möglichkeiten für „Glasbrechen“ und dort aufgefangene Opfer vor, Geld zu erhalten. So können Betroffene, die sich nicht an die Stiftung „Brücken bauen“ wenden wollen, ihre Anträge über „Glasbrechen“ an die Stiftung stellen.

Außerdem erhält „Glasbrechen“ die Möglichkeit eingeräumt, für Projekte zur Prävention Geld von „Brücken bauen“ zu erhalten. Das hält „Glasbrechen“-Unterhändler Michael Frenzel für wichtig. Angesichts der Debatten über Zahlungen an Opfer dürfe nicht übersehen werden, dass der Verein „umfangreiche Betreuungs- und Projektarbeit“ leiste, die langfristig angelegt sei.

Das lobt auch der Trägervereins-Vorsitzende Herbert. „Für uns ist wichtig, dass wir mit Glasbrechen eine Kooperation haben wollen.“ Herbert räumt ein, dass man dies „früher hätte erkennen können“. Er hatte erst im vorigen Jahr das Amt übernommen.

Warten auf Aufklärung

Entsprechend dringt er darauf, die von den Opfern seit langem geforderte wissenschaftliche Aufarbeitung der sexuellen Gewalt und ihrer späteren Verdrängung durch die Schule auf den Weg zu bringen. Schule und „Glasbrechen“ hatten sich im Oktober darauf geeinigt, einen Beirat aus Abgesandten beider Seiten einzusetzen, der Wissenschaftler beauftragen solle.

Doch bisher gibt es keine Entscheidung über die Besetzung des Beirats. Sie werde „durch die Odenwaldschule verzögert“, die eine von Glasbrechen benannte Person nicht akzeptieren wolle, monierte der Grünen-Abgeordnete Bocklet. Er setzte den Beteiligten eine Frist bis zur nächsten Woche, um den Beirat zu benennen. Anderenfalls werde er selbst das Gremium berufen.

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