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Neuer Fall von Missbrauch: Skandal verunsichert Gläubige

Ein neuer Missbrauchsfall: Im Kapuzinerkloster in Bad Mergentheim soll ebenfalls mindestens ein Schüler von einem Pater missbraucht worden sein. Viele Gläubige sind verunsichert.

Verzerrt spiegeln sichdie Türme des Würzburger Domes in den Fenstern der Residenz. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat viele Gläubige verunsichert.
Verzerrt spiegeln sichdie Türme des Würzburger Domes in den Fenstern der Residenz. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat viele Gläubige verunsichert.
Foto: Foto: dpa

Hamburg. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat viele Gläubige verunsichert, aber bisher zu keiner Austrittswelle geführt. Dies ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa in einigen besonders betroffenen Bistümern in Deutschland.

Demnach gibt es viele Anfragen besorgter und empörter Katholiken. Die katholischen Bischöfe Bayerns beraten im oberfränkischen Wallfahrtsort Vierzehnheiligen über die Missbrauchsfälle. Am Dienstag wurde in Baden-Württemberg ein weiterer Fall bekannt.

Betroffen ist das Kapuzinerkloster in Bad Mergentheim. Die Staatsanwaltschaft wurde für die Prüfung eines Missbrauchsfalls eingeschaltet, wie ein Sprecher der Rheinisch-Westfälischen Kapuzinerprovinz in Münster bestätigte. Anfang der 70er Jahre soll ein heute knapp 80 Jahre alter Pater mindestens einen Schüler missbraucht haben. Das Opfer habe sich erst in den vergangenen Tagen gemeldet. Der Beschuldigte sei erst vor zwei Jahren wieder nach Bad Mergentheim versetzt worden. Da es "Auffälligkeiten" gab, sei er seit Jahren von allen seelsorgerischen Diensten entbunden.

Erste Hinweise auf sexuellen Missbrauch in einem früheren katholischen Jungen-Internat im hessischen Bensheim gab es bereits in den 70er und 80er Jahren - Konsequenzen wurden aber nicht gezogen. Es sei ein Brief an den damaligen Mainzer Bischof, Kardinal Hermann Volk, vom Februar 1981 aufgetaucht, in dem ein Schüler sexuellen Missbrauch durch den Internats-Leiter schildert, teilte das Bistum in Mainz am Dienstag mit. Zu einem daraufhin dem Schüler angebotenen Gespräch sei es nicht gekommen. Zudem gebe es Hinweise auf Briefe aus den 70er Jahren, in denen Eltern von sexuellem Missbrauch berichteten. In dem Konvikt soll es bis 1979 Misshandlungen und Missbrauch gegeben haben.

Auch im katholischen Internat und Gymnasium Haus Overbach in Jülich bei Aachen soll es zu sexuellem Missbrauch gekommen sein. Drei Opfer hatten sich gemeldet und von Missbrauch in den 50er Jahren berichtet, wie der Schulträger in Wien mitteilte. Beschuldigt wurden Ordensleute, die damals als Lehrer tätig waren. Sie sind bereits gestorben. "Der Orden geht das Thema sehr offensiv und transparent an", sagte der Leiter des Gymnasiums, Heinz Lingen, der dpa. Es seien Fachleute beauftragt worden, die nun die Fälle aufarbeiten sollen. Schulträger ist die Deutschsprachige Ordensprovinz der Oblaten des heiligen Franz von Sales (OSFS) in Wien.

Missbrauchsskandal verunsichert Gläubige

Die Zahl der Kirchenaustritte ist nach bisher vorliegenden Angaben nicht gestiegen. "Bisher sind uns keine Austritte wegen des Missbrauchsskandals bekannt", sagte der Pressesprecher des Erzbistums Hamburg, Manfred Nielen, der dpa. Dies könne aber auch damit zusammenhängen, dass die austrittswilligen Katholiken sich beim Standesamt - andernorts beim Amtsgericht - melden müssen. "Diese Zahlen erfahren wir erst mit zeitlicher Verzögerung, meistens vier Wochen später."

Viele Bistümer berichten aber über eine erhöhte Zahl von Anfragen, Anrufen und Briefen. "Es gibt schon heftige Reaktionen", sagte der Sprecher des Bistums Würzburg, Bernhard Schweßinger. Anrufer seien teils aufgebracht und sehr emotional, betroffen, ratlos oder enttäuscht. Der Sprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner, berichtete, die Reaktionen seien sehr gemischt: "Ein Teil der Kirchenmitglieder fordert, noch viel mehr über die Vorfälle zu sprechen. Andere sagen, es sei genug gesprochen worden, irgendwann müsse es auch wieder genug sein."

In der zweitgrößten Diözese Deutschlands, Freiburg, gehen bei den Fachstellen deutlich mehr Anfragen ein. Viele Gläubige suchten nach Informationen über das Thema sexueller Missbrauch, sagte der Pressesprecher Robert Eberle. Auch die Internetseiten des Erzbistums, auf denen es viel Material dazu gebe, werden viel häufiger angeklickt als sonst.

Neuer Missbrauchsbeauftragter in Limburg    

Neuer Missbrauchsbeauftragter im Bistum Limburg ist der Rechtsanwalt und bisherige Leiter des Kommissariats der katholischen Bischöfe in Hessen, Guido Amend. Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ernannte ihn zum Nachfolger des zurückgetretenen Beauftragten Benno Grimm. Nach Medienberichten hatte Grimm sich mit den eingehenden Berichten über Verdachtsfälle auf Missbrauch überfordert gefühlt. Im katholischen Bistum Limburg sind nach offiziellen Angaben Vorwürfe gegen zehn Priester oder Kirchenmitarbeiter erhoben worden.

Experte sieht Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch

Der Pädophilie-Experte Michael Osterheider sieht einen Zusammenhang zwischen der Ehelosigkeit von Priestern und den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Nach seinen Forschungen fühlten sich "Leute, die andere sexuelle Interessen haben, von einer Institution angezogen, wo nicht verlangt wird, dass man in einer Partnerschaft lebt", sagte der Leiter der Regensburger Forensik dem Bayerischen Rundfunk. "Die Täter suchen sich ein soziales Umfeld, wo sie verfügbare Opfer finden", meinte Osterheider. "Da bietet die Kirche ein Feld."

Nahles fordert Wahlfreiheit der Priester beim Zölibat

Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin und bekennende Katholikin, hat sich für eine Lockerung des Verbots der Priesterehe ausgesprochen. In der N24-Sendung "Was erlauben Strunz" sagte Nahles: "Ich würde mir wünschen, dass es eine Wahlmöglichkeit für Priester gibt, zölibatär zu leben oder nicht." (dpa)

Datum:  16 | 3 | 2010
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