kalaydo.de Anzeigen

Odenwaldschüler: Wer protestierte, wurde als Spießer geächtet

Immer mehr frühere Odenwaldschüler beklagen sexuelle Übergriffe als Ausdruck einer falsch verstandenen Freizügigkeit. Nicht nur Jungen sondern offenbar auch Mädchen wurden als sexuelle Gespielinnen missbraucht. Wer nicht mitmachte, galt als Spießer. Von Jörg Schindler

Der frühere Rektor Gerold Becker (Mitte) beim Unterricht in den 70erJahren.  Ex-Schüler werfen ihm massive Übergriffe vor.
Der frühere Rektor Gerold Becker (Mitte) beim Unterricht in den 70erJahren. Ex-Schüler werfen ihm massive Übergriffe vor.
Foto: ddp

Im Missbrauchskandal an der Odenwaldschule sind am Wochenende weitere schockierende Einzelheiten bekannt geworden. Sie bestätigen die Aussagen ehemaliger OSO-Schüler über jahrelangen systematischen Missbrauch durch Lehrkräfte und gehen zum Teil sogar noch über diese hinaus.

Der Frankfurter Rundschau liegt der Bericht des Altschülers Konrad Weigel (Name geändert) vom November 2009 vor. Weigel war von 1968 bis 1975 Schüler an der OSO und dort in der "Familie" des inzwischen verstorbenen Lehrers Wolfgang H. Von diesem sei er gleich zu Anfang, als knapp 13-Jähriger, aufgefordert worden, regelmäßig mit ihm ein "Mittagsschläfchen" zu machen, bei dem er stets im Intimbereich "angefasst und gestreichelt" worden sei. Alle anderen Jungen in der Familie hätten das als "normal und selbstverständlich" betrachtet.

H. , der auch von anderen Alt-Schülern massiv belastet wird, habe sich seine Opfer mit Vorliebe im Chor ausgedeutet, "wo die Jungen kurz vor dem Stimmbruch besonders gesucht waren". Bei einem Besuch des Adoptivvaters von H. habe sich dieser an den sexuellen Übergriffen beteiligt.

Zudem berichtet Weigel von einem Ausflug der "Familie" auf eine Hütte, an dem auch der damalige Verleger einer Zeitung aus dem Neckar-Raum teilgenommen habe. Dort sei es "zu Übergriffen in der Gruppe" gekommen. Namentlich erwähnt Weigel schließlich einen ehemaligen Kunstlehrer an der OSO, von dem er sexuell bedrängt worden sei.

Die OSO-Leiterin Margarita Kaufmann, die mit Weigel und etlichen weiteren Altschülern gesprochen hat, sagte, sie habe keinen Grund, an deren Aussagen zu zweifeln.

Ein weiterer ehemaliger OSO-Schüler sagte der FR, es habe an der Odenwaldschule keineswegs nur sexuelle Übergriffe von Lehrern gegen Jungen gegeben. Er wisse auch, dass "einige Mädchen etwas mit Lehrern hatten". In einem Fall sollen sich zwei Lehrer ein Mädchen als sexuelle Gespielin "geteilt" haben. "Es ging da in all den Jahren sehr freizügig zu." In mehreren Fällen sollen Lehrer ihre jugendlichen Geliebten später geheiratet haben.

Selbst wenn die Mädchen seinerzeit älter als 16 Jahre gewesen sein sollten, müsse man von sexuellem Missbrauch ausgehen, betonte der Ex-Lehrer Salman Ansari: Da an der OSO der Lehrer gleichzeitig "Familienoberhaupt" sei, übernehme er für seine schutzbefohlenen Schüler eine Art Vaterrolle, die in diesen Fällen schamlos ausgenutzt worden sei.

Der frühere OSO-Schüler Oliver Wisotzki (Name geändert) sprach von einer "Anti-Spießer-Hysterie", welche die Übergriffe in den 70er und 80er Jahren erst möglich gemacht habe. Wer seinerzeit etwas bemerkt und gesagt habe, sei "sofort als Spießer geächtet worden - das war grauenhaft", sagte Wisotzki der FR.

Eine unabhängige Kontrollinstanz habe es nicht gegeben. Im Grunde hätte die Schulleitung eingreifen müssen, dort aber habe Gerold Becker gesessen, also derjenige, der die systematischen Übergriffe erst möglich gemacht habe. "Und da keine Krähe der anderen ein Auge aushackt, konnte dem niemand Einhalt gebieten."

In dem von ehemaligen OSO-Schülern eingerichteten Internetblog (http://misalla.wordpress.com) berichtete ein anderer früherer Internatsschüler von einem "Familienausflug" in den Hunsrück. Dort habe der Klassenlehrer seine Hand in den Schlafsack des damals Zwölfjährigen gesteckt und angefangen, "an meinen Genitalien zu spielen".

Jahre später, so der Schüler, habe er den Lehrer auf einer OSO-Veranstaltung darauf angesprochen. Dessen Reaktion: "Mit etwas Speichel im Mundwinkel sagte er zu mir, wir hätten damals aber doch wirklich viel Spaß gehabt." Der beschuldigte Lehrer, dessen Name der Frankfurter Rundschau bekannt ist, wehrt sich intern mittlerweile gegen die Vorwürfe.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Jörg Schindler
Datum:  8 | 3 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Meinung

Klare Worte - die Meinungsseiten der FR.

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?